Civic Tech
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Civic Tech: Mit offenen Daten Kommunen stärken

Autorin Dr. Anke Knopp vermisst die Unterstützung gemeinwohlorientierter IT-Projekte

Kommunen sollten ihre IT-begeisterten TüftlerInnen und CoderInnen besser unterstützen. Mit offenen Daten - und Geld. Denn Civic Tech-Gemeinschaften können helfen, Kommunen voranzubringen. Beispiele gibt es genug.

Anke Knopp

Civic Technology – kurz Civic Tech – ist ein Treiber der digitalen Entwicklung in den Kommunen. Civic Tech meint technische, IT-basierte Konzepte, die aus dem Zusammenwirken von Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft entstehen und dem Allgemeinwohl dienen wollen. Typische Beispiele für Civic Tech sind Anwendungen, die öffentlich erhobene Daten visualisieren und interaktiv nutzbar machen oder Organisationsplattformen von Bürgern für Bürger. Die Werkzeuge von Civic Tech sind offene Daten und die Informations- und Kommunikationstechnologie.

Wie offene Daten nachhaltig wirken können

Bekannte, bereits umgesetzte oder angewendete Civic Tech Innovationen sind etwa die Visualisierung von Open-Data-Haushaltsdaten mit “Offener Haushalt” oder der Aufbau von Freifunk und LoRaWan-Netzen. Vor allem die Aktiven von Code for Germany der Open Knowledge Foundation mit ihren 26 lokalen Labs und mittlerweile 256 Projekten veranschaulichen, wie offene digitale Anwendungen als Open-Source-Software, die Verwaltung und Politik direkt implementieren können, nachhaltig wirken.

Was Civic Tech-Gemeinschaften für das Allgemeinwohl leisten und erreichen können, zeigt das Portal Luftdaten.info in Stuttgart, ein Projekt das Civic Tech erstmals deutschlandweit bekannt machte. Weil es in der Stadt zu wenige staatliche Messstellen zur Erfassung der Luftqualität gab, kümmerten sich Bürgerinnen und Bürger selbst darum. Tüftler der Initiative Code for Stuttgart entwickelten Sensoren, die die Feinstaubbelastung maßen, vernetzten diese und visualisierten die Ergebnisse auf einer öffentlichen Feinstaubkarte im Internet. Offene Daten, von BürgerInnen selbst erhoben, zeigen nun, wie sauber oder dreckig die Luft wo genau in der Stadt ist.

Digitale Bürgerbeteiligung auf kommunaler Ebene

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Civic Tech Projekte auf kommunaler Ebene  

Die Idee verbreitete sich in ganz Deutschland und fand Nachahmer in anderen Großstädten. Mit der Folge, dass es sogar zu punktuellen Fahrverboten kam. Erstmals ergab sich eine datengestützte Evidenz bedingt durch die Zivilgesellschaft, die die Notwendigkeit einer Verkehrswende unterstrich. Ein anderes Beispiel: Thomas Tursics, Coder und Vater schulpflichtiger Kinder in Berlin, recherchierte die Daten der Breitbandversorgung an Schulen der Stadt und visualisierte sie auf einer öffentlichen Karte. Auf ihr können Eltern sehen, ob eine Schule Corona-bedingt digitalen Unterricht überhaupt leisten kann – oder wo er wegen fehlender Infrastruktur gar nicht laufen kann.

Im Kern leistet Civic Tech also einen Beitrag für eine Kultur der Offenheit und schafft Partizipations- und Kollaborationsmöglichkeiten, digital und auch physisch. Innovatives Denken schafft den Sprung in praktisches Handeln und zeigt Wege auf, wie es gehen kann, kommunal resistent, nachhaltig und kompetent zu sein in einer sich immer schneller drehenden technisierten Welt. Kommunen, in denen die Civic Tech-Gemeinschaften vor Ort wirken, können sich freuen. Sie bekommen, neue ehrenamtlich tätige Partner, die zwei begehrte und seltene Eigenschaften mitbringen: das Wissen, wie eine Kommune hin zu einer Stadt der Möglichkeiten umgestaltet werden kann und das dafür notwendige Können.

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Wo sind die TüftlerInnen?

Civic Tech Projekte auf kommunaler Ebene reichen von Baumkatastern mit Standort und Attributen wie Pflanzjahr, Baumart, die zum bessern Umweltklima beitragen können. An manchen Orten sind sie in City-Labs weiterentwickelt worden zu Plattformen, wie Gieß-den-Kiez, so dass zivile Baumpatenschaften in den heißen Sommern Bäume vorm Verdursten retten können. Andere schaffen Transparenz darüber, was alles in Leitungswasser enthalten ist. Oder Vornamen aus Open-Data-Portalen werden gelistet und helfen Eltern bei der Namensfindung ihrer Sprösslinge - will ich einen ausgefallenen Namen oder bin ich im Mainstream?

Aber nicht in jeder Kommune finden sich TüftlerInnen und ItlerInnen oder werden Hackathons angeboten, wo „Basteleien“ im öffentlichen Raum entstehen. Und leider stellen auch längst nicht alle Kommunen ihre Daten als offene Daten zur Verfügung. Mit dem Nachteil, dass ihre Bevölkerung vor Ort eben nicht von deren Anwendungsmöglichkeiten profitieren kann. Wie kann eine Transformation in den Kommunen gelingen, die keine idealistische IT-Avantgarde haben?

Kommunale Fonds für Civic-Tech-Initiativen

Notwendig ist mehr organisierter Wissenstransfer. Und mehr Mittel: Brauchen wir kommunale Fonds für Civic-Tech-Initiativen? Zivilgesellschaftliche Kleinstinitiativen könnten unbürokratisch Anträge auf Finanzierung von Projektideen stellen. Zur Testphase würde eine Dokumentation erstellt, die nachhaltig und transparent festhält, welche Anträge gestellt wurden. So entstünde zugleich eine Ideenbörse und Distributionsplattform für andere Aktive.

Örtlichkeit als Innovationsquelle

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Vielleicht brauchen wir auch eine Strukturförderung für CivicTech in Kommunen? Es wäre eine Ausgleichszahlung, um den Mangel an cleveren Köpfen auszugleichen. Früher war es Mangel an Rohstoffen, heute fehlen Köpfe. Oder ist es nur eine Frage des digitalen Mindsets in den Verwaltungen, mit dem fehlenden Willen, sich Open Government zu öffnen? Sie könnten zunächst in den Reihen ihrer Einwohner suchen. Es gibt sie, die CoderInnen, EntwicklerInnen und Visionäre. Man muss sie nur finden.

Innovationen fördern, die dem Gemeinwohl dienen

Digitale Innovation kann nicht bedeuten, dass es neue Geschäftsmodelle nur für wenige gibt oder dass nur auf technische Aspekte geschaut wird. Bisher werden die digital-politischen Diskurse stark von wirtschaftlichen und Sicherheitsinteressen dominiert. Start-ups werden gefördert, aber digitale Innovationen freier Initiativen,  die das Gemeinwohl fördern, eher nicht. Gemeinnützig handelnde Akteure der Zivilgesellschaft finden nur wenig Gehör in der Digitalisierungsdebatte. Dabei helfen sie mit ihren Werkzeugen die Spaltung unserer Städte und Gesellschaft anzugehen, die strukturelle Ungleichheiten aufzeigen und Lösungen in Gang setzen.

Civic Tech kann eine tragende Säule sein, um eine zukunftsfähige Gesellschaft zu gestalten, die ihre Kraft und Innovationsfähigkeit aus Offenheit und Selbstverantwortung schöpft. Diese Gesellschaft lädt zum Mitmachen ein; sie setzt auf Kooperation und gesellschaftlichen Ausgleich.

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