Rechenzentrumstrategie
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„Ohne Rechenleistung keine moderne Verwaltung“

Jarzombek: Deutschland darf Anschluss nicht verlieren

Deutschland setzt auf mehr Rechenpower: Die Bundesregierung will Kapazitäten verdoppeln und bei KI massiv aufholen. Die neue Rechenzentrumsstrategie markiert dafür den politischen Rahmen. Thomas Jarzombek, Parlamentarischer Staatssekretär beim BMDS, ordnet ein, welche Folgen das für Verwaltung und Digitalisierung hat.

Verwaltung der Zukunft: Warum braucht Deutschland gerade jetzt eine nationale Rechenzentrumsstrategie und welche Rolle spielt Recheninfrastruktur für die digitale Transformation von Staat und Verwaltung?

Thomas Jarzombek: Diese Bundesregierung hat die strategische Bedeutung von Rechenzentren erkannt und legt als erste eine nationale Rechenzentrumsstrategie vor – genau zum richtigen Zeitpunkt. Denn wir stehen am Beginn einer neuen Phase der digitalen Transformation – und Rechenzentren sind deren physisches Fundament. Ohne Rechenleistung gibt es keine Cloud, keine KI und keine moderne Verwaltung. Gleichzeitig sehen wir weltweit einen massiven Ausbau, vor allem in den USA und China. Wenn wir jetzt nicht handeln, verlieren wir technologisch und wirtschaftlich den Anschluss.

Es geht also bei Rechenzentren und der Strategie nicht nur um technische Infrastruktur, sondern um Souveränität, Wettbewerbsfähigkeit und staatliche Handlungsfähigkeit. Oder zugespitzt: Wer die Rechenleistung kontrolliert, kontrolliert einen wesentlichen Teil der digitalen Zukunft.

 «Wir stehen am Beginn einer neuen Phase der digitalen Transformation – und Rechenzentren sind deren physisches Fundament.»

VdZ: Die Strategie formuliert ambitionierte Ziele wie die Verdopplung der Kapazitäten bis 2030. Was sind die wichtigsten Hebel, damit diese Ziele tatsächlich erreicht werden?

Jarzombek: Um drei konkrete Maßnahmen zu nennen: Aktuell leiden Netzanschlüsse daran, dass die Antragsschlange verstopft ist durch spekulative Anträge für andere Anlagen. Da gehen wir ran. Als zweites wollen wir die Anforderungen an die Abwärmenutzung pragmatischer gestalten. Ein dritter Punkt sind die Gewerbesteuereinnahmen, an denen die Gemeinden beteiligt werden sollen, um damit die Akzeptanz für neue Anlagen zu verbessern – ähnlich, wie es auch bei Windanlagen bereits gemacht wird.

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VdZ: Welche konkreten Veränderungen wird die Strategie kurzfristig für die öffentliche Verwaltung bringen, insbesondere beim Thema Cloud und KI?

Jarzombek: Kurzfristig geht es vor allem darum, die öffentliche Verwaltung aus ihrer infrastrukturellen Enge zu befreien. Wir schaffen die Voraussetzungen, dass Verwaltung stärker auf skalierbare Cloud-Angebote zugreifen kann.

Gleichzeitig verbessern wir die Verfügbarkeit von Rechenpower für KI. Das ist entscheidend, damit KI nicht nur pilotiert, sondern tatsächlich produktiv eingesetzt werden kann.

Kurz gesagt: weniger Insellösungen, mehr Skalierung – und damit echte Digitalisierung statt Stückwerk.

VdZ: Sie sprechen von einer souveränen Cloud-Plattform und KI-Infrastruktur: Wie stellen Sie sicher, dass Deutschland hier unabhängiger von internationalen Anbietern wird?

Jarzombek: Unser Ziel ist nicht Abschottung – sondern mehr strategische Handlungsfähigkeit. Um dies zu erreichen, setzen wir auf den Aufbau eigener Kapazitäten und die Stärkung europäischer Anbieter.

Gleichzeitig setzen wir bewusst auf europäische Initiativen – etwa bei Cloud, KI-Infrastruktur oder Supercomputing.

Souveränität heißt für uns: Wir haben echte Alternativen – und können selbst entscheiden.

VdZ: Der Ausbau von Rechenzentren ist energieintensiv – wie bringen Sie Wachstum, Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit in Einklang?

Jarzombek: Rechenzentren sind energieintensiv – das ist unstrittig. Gerade die Nutzung von KI stellt hier eine echte Herausforderung dar. Wettbewerbsfähigkeit und Souveränität erfordern eine große Investition auch in Sachen Energie. Gleichzeitig trägt KI und Digitalisierung aber auch dazu bei, in anderen Sektoren Energie einzusparen und auch erneuerbare Energien besser zu nutzen.

Wir setzen bei Rechenzentren auf drei zentrale Ansätze: erstens 100 Prozent bilanziell erneuerbare Energien, zweitens maximale Effizienz und drittens die Nutzung von Abwärme. Unser Anspruch ist klar: Deutschland soll nicht nur wachsen, sondern einer der nachhaltigsten Rechenzentrumsstandorte weltweit bleiben.

VdZ: Viele Projekte scheitern an langen Genehmigungsverfahren und fehlenden Flächen. Was wird sich hier durch die Strategie konkret ändern?

Jarzombek: Heute scheitern viele Projekte nicht am Kapital, sondern an Prozessen. Das ändern wir.

Konkret bedeutet das: Wir wollen gezielt geeignete Flächen identifizieren, das können zum Beispiel Brownfield-Standorte sein. Gleichzeitig führen wir sogenannte Praxis-Checks durch, um Genehmigungsverfahren zu beschleunigen – ohne Umweltstandards zu senken.

Und wir bringen mehr Transparenz und Standardisierung in die Prozesse.

Unser Ziel ist klar: Investoren sollen in Deutschland nicht länger Jahre auf Entscheidungen warten müssen, sondern verlässliche und schnelle Verfahren vorfinden.

«Heute scheitern viele Projekte nicht am Kapital, sondern an Prozessen.»

VdZ: Wenn wir auf das Jahr 2030 blicken: Woran werden Sie persönlich messen, ob die Strategie ein Erfolg war und wo sehen Sie aktuell das größte Risiko?

Jarzombek: Die Ziele sind in der Strategie definiert: Eine Verdoppelung der Datacenter-Kapazität und eine Vervierfachung bei KI. Das sind realistische und zeitgleich auch notwendige KPI. Das größte Risiko besteht darin, dass die Bedarfe noch schneller wachsen. Daher werden wir die Rechenzentren im Blick behalten und die Strategie auch so anpassen, dass sie den Bedarfen entspricht.