COVID 19 Impfstoff
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Die indische COVID 19-Impfkampagne: Eine Nachhilfestunde für den Bundesgesundheitsminister?

Wie ein Schwellenland Deutschland und weite Teile der EU in Digitalisierung, Logistik und Verwaltung übertrifft

Angesichts der täglichen menschlichen Verluste, allein in Deutschland Ende Januar 2021 circa eintausend Tote pro Tag, sowie der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie erhält die schnellstmögliche Impfung möglichst vieler Einwohner höchste Priorität. Nach einem eher langsamen Impfstart wurde vom Bundesgesundheitsminister für das zweite Quartal 2021 angekündigt, dass jedem Deutschen ein “Impfangebot” gemacht werden könne. Dieser Termin wurde von der Bundeskanzlerin aber wieder auf Ende September 2021 verschoben.

Robert Müller-Török

Alexander Prosser

Interessant aus Sicht der Autoren ist hier vor allem Indien, welches nicht nur über ca. 1,3 Mrd. Einwohner verfügt, sondern auch den weltweit größten Hersteller von Impfstoffen, das Serum Institute of India, beheimatet. Im Unterschied zu einem sich immer weiter ausbreitenden Impfstoffprotektionismus der EU (vgl. die Ankündigung von Exportkontrollen für Impfstoffe) und dem bisherigen Scheitern der COVAX-Initiative für ärmere Länder, denen per 18.1.2021 ganze 25 Impfdosen (sic!) zur Verfügung gestellt wurden, stellt Indien nicht nur Impfstoff für seine eigene nationale Kampagne her, sondern verschenkt Impfstoff in namhaften Mengen an ärmere Länder mit schwacher Infrastruktur (“vaccine diplomacy”), was zusätzliche logistische Herausforderungen mit sich bringt. Was also macht Indien besser?

Digitale Koordination

Während in Bayern und in Berlin Impfstoff ungenutzt weggeworfen werden musste, weil die Kühlketten unterbrochen waren, verfügt Indien über ein sog. National Cold Chain and Vaccine Management Resource Centre, welches seit 2013 existiert und auch über ein entsprechendes IT-System verfügt, das sog. National Cold Chain MIS, das Teil des Electronic Vaccine Intelligence Network (eVIN) ist; dieses bietet folgende Logistikfunktionen:

  • Eindeutige Identifikation der für die Distribution verwendeten Behältnisse;
  • Mit SIM-Karte ausgestattete Temperaturlogger auf diesen Behältnissen, die an eine zentrale Applikation melden (Abweichungen werden automatisch erkannt und Gegenmaßnahmen eingeleitet);
  • Erfassung jeder Ein-, Aus- und Umlagerung über eine einfache Smartphone-Applikation;
  • Sammlung der Daten in einer zentralen Cloud-Applikation mit real-time Dashboard;
  • Rückverfolgung von Chargen (wichtig im Falle von fehlerhaften Lieferchargen).

Dieses Produkt, unter anderem von der Bill & Melinda Gates Foundation und UNDP finanziert, scheint auch Indiens Partnerstaaten gemeinsam mit den Impfstofflieferungen zum Logistikmanagement zur Verfügung gestellt zu werden. eVIN stünde prinzipiell auch Deutschland zur Verfügung. Vergleicht man dies mit dem auch nach fast 12 Monaten herrschenden Chaos bei der Erfassung und Meldung der COVID-19-Infektionen an das RKI sowie der dortigen „Datenverarbeitung“, so ist wohl nicht davon auszugehen, dass ein derartiges System in Deutschland existiert.

Auch ist man in Indien bereit, die existierende Datenbasis zu nutzen. So wird für die Impfkampagne das Wählerverzeichnis herangezogen. Hierzulande scheitert dies an Datenschutzbedenken, traurige Berühmtheit erlangte hier das Land Niedersachsen, welches lieber Adressverzeichnisse einer Tochterfirma der Deutschen Post AG kaufte, als die eigenen Einwohnermeldedaten zu verwenden. Ob man den vom niedersächsischen Gesundheitsministerium als Hinderungsgrund angegebenen § 5 des Niedersächsischen Ausführungsgesetzes zum Bundesmeldegesetz in den nunmehr fast zwölf Monaten seit Ausbruch der Pandemie nicht hätte ändern können, bleibt dahingestellt. In Zeiten, wo weitreichende Eingriffe in Grundfreiheiten per Verordnung vorgenommen werden, ist es nur schwer nachvollziehbar, warum man hochgradig gefährdete Personen nicht zu einer nicht potenziell lebensrettenden Impfung einladen darf.   

Organisationsgrad

Dass man vor komplexen Abläufen Probedurchläufe organisiert, ist völlig normal. Sogar beim bekannten Flughafen Berlin-Brandenburg International wurde vor der nun tatsächlich erfolgten Eröffnung ein Probedurchgang mit freiwilligen BER-Testern abgehalten. Wenn in Deutschland für die Corona-Impfungen ein Probedurchlauf erfolgte, dann ausschließlich auf lokale Initiative hin, wie etwa in Freiburg i. Brsg., Freudenstadt oder im Kreis Warendorf. Ein bundesweiter Probelauf ist nicht bekannt – hingegen erfolgte in Indien sogar zwei Mal ein nationaler Probelauf, am 2. Januar 2021 und am 8. Januar 2021. Am zweiten Probedurchlauf nahmen 170.000 Impfende und 300.000 Personen Hilfspersonal inklusive Kühlkettenmanager in 736 Distrikten in 33 Bundestaaten und Unionsterritorien teil; Freiwillige simulierten die “Geimpften”. Diese Zahlen allein sprechen für den hohen Organisationsgrad und die zentrale Steuerung der indischen Impfkampagne.

Ähnliches gilt für die Anmeldung zur Impfung. In Deutschland wird pro Bundesland eine eigene Impfanmeldung organisiert; einige Bundesländer verwenden dabei die Hotline 116117 der Kassenärztlichen Bundesvereinigung - andere nicht. Auch besteht eine Vielzahl an Weblösungen und Apps, die bisweilen ein erkennbar niedriges Professionalitätsniveau aufweisen. So brachen in Nordrhein-Westfalen sowohl Webapplikation als auch Call Center unter dem (erwartbaren) Ansturm zusammen (Stand 26.1.), die berichteten Fehlerzustände (Ausgabe 6-stelliger Bestätigungscodes, Eingabeerfordernis eines 12-stelligen Codes) lassen auf völlig unzureichende Tests der Anwendung schließen.

In Indien wird die Terminvergabe durch eine landesweit einheitliche Applikation Co-WIN durchgeführt. Dabei waren die Daten der bei der Impfung priorisierten 7,5 Millionen Health Workers sowie anderer Priorität I Gruppen (Polizei, Militär etc.) bereits vorgeladen. Alle anderen müssen sich mit ihren Ausweis-, Sozialversicherungs- oder Führerscheindaten anmelden, die lokale Distriktsbehörde prüft im Back Office manuell die Berechtigung. Damit erspart man sich eine langwierige Terminvereinbarung im Dialog. Auch in Indien werden ältere Personen priorisiert, in Summe sind 300 Millionen Menschen in der “Target Group”. Im positiven Fall wird ein SMS mit einem QR Bestätigungscode und einem Impftermin zurückgesandt, womit auch die Berechtigung im Impfcenter geprüft wird. Auch die Impfung selbst und der je nach Serum gegebenenfalls notwendige zweite Impftermin werden über Co-WIN verwaltet und damit der Datenlink zur mit eVIN verwalteten Impflogistik geschaffen. Co-WIN stellt auch ein mobiltelefonbasiertes eCertificate für Geimpfte aus (hier Gesundheitsminister Bhushan über den Gesamtprozess).

Fazit und Empfehlung

Damit hat Indien ein zentral organisiertes, vorab getestetes, integriertes und IT-gestütztes Impfmanagement geschaffen, das sowohl die Logistik, die Verimpfung und den Nachweis der Impfung umfasst. Dies ist – nicht nur für ein Schwellenland – eine beeindruckende Leistung. In den absoluten Impfzahlen hat Indien Deutschland bereits überholt (Stand 30.1.2021), obwohl es erst seit 15.1.2021, also drei Wochen weniger impft (hier die jeweils aktuellen Zahlen).

Wir empfehlen, die indische IT-Lösung und Organisation für Deutschland zu übernehmen und sich dabei von Experten der indischen Regierung beraten zu lassen. Der derzeit bestehende Engpass an Impfstoffen wird hoffentlich am Ende des Quartals behoben sein – dann werden wieder Fragen der Impforganisation und -logistik in den Vordergrund treten.

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