XR Büro
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Aufbruch in eine neue Realität

Wie neben KI nun auch XR die Verwaltung auf den Kopf stellen könnte

Der Virtual Reality (VR)-Markt erlebt gerade eine Flaute. Das soll sich dank der Apple Vision Pro im Jahr 2026 wieder ändern. Bis dahin heißt es: Füße stillhalten, oder? Ein bislang kaum beachteter Nutzen der Extended Reality (XR), zu Deutsch erweiterte Realität, könnte im Bau einer direkten Brücke zu den Bürgerinnen und Bürgern liegen. Dieser Artikel entschlüsselt mit Hilfe von Harmen van Sprang, einem urbanen Futuristen, Sozialunternehmer und unabhängiger Forscher aus den Niederlanden, welche Potenziale XR für die öffentliche Verwaltung bereithält.

Die Entwicklung im Bereich der KI ist rasant. Wie die quantitative Futuristin Amy Webb auf der diesjährigen SXSW so treffend formuliert hat: „AI is the Everything Engine", KI ist der Motor für alles. Bislang im Schatten des KI-Hypes verbirgt sich die erweiterte Realität (XR). Sie wird oft nur als Nischentechnologie betrachtet, die hauptsächlich für Gaming und die Unterhaltungsindustrie interessant ist. XR umfasst verschiedene Technologien, darunter Augmented „angereicherte" Reality (AR), Mixed „gemischte" Reality (MR) und Virtual „virtuelle" Reality (VR). Eine ausführlichere Definition befindet sich am Ende des Artikels.

Dabei ist der geballte Einfluss von KI- und XR-Technologien nicht zu unterschätzen – auch für die Verwaltung nicht. Gemeinsam haben sie das Potenzial, die Art und Weise zu revolutionieren, wie Behörden mit den Bürger*innen interagieren, Dienstleistungen erbringen und komplexe Herausforderungen angehen. Gleichzeitig haben beide die Frage der Ethik zu beantworten.

Virtuelles Training für lebensrettende Maßnahmen

Das Potenzial von XR-Simulationen wurde bereits in Bereichen wie der öffentlichen Sicherheit erkannt. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert dazu seit drei Jahren das Forschungsprojekt „NEXT-Reality“, bei dem es um realitätsnahe Trainingseinheiten mit XR für Ersthelfende geht. Dadurch soll das Training für Einsatzkräfte auf Windrädern oder Offshore-Plattformen sicherer und effektiver werden.

NEXT-Reality: Virtuelle Trainingseinheiten revolutionieren die Sicherheit auf Windrädern und Offshore-Plattformen
© next-reality.info

XR wird genutzt, um Stresssituationen realitätsnah zu simulieren und die kognitiven sowie motorischen Fähigkeiten der Teilnehmenden zu verbessern, ohne sie tatsächlichen Gefahren auszusetzen. Ziel soll es sein, die Vorteile und Grenzen der Kombination virtueller Technologien mit realen Trainingsumgebungen zu erforschen – mit der Berücksichtigung von psychophysischen, ethischen und rechtlichen Aspekten. Das Projekt läuft noch bis zum 30. Juni 2024, eine Verlängerung bis Ende des Jahres ist bereits beantragt. Die vorläufige Einschätzung des Nutzens von XR im Sicherheitssektor beschreibt Andreas Rauschelbach, Verbundkoordinator des Projekts, als „sehr gut für die Vermittlung sowie Begleitung sicherheitsrelevanter Abläufe und Maßnahmen". Potentielle Gefahren ließen sich erheblich reduzieren, die Stressresilienz stärken.

Welche Anwendungsfälle und Vorteile bietet XR?

Die praktische Testphase in der öffentlichen Sicherheit ergab zum einen, dass XR in dieser Form dem demografischen Wandel und dem Fachkräftemangel entgegenwirken kann. Andererseits erhöhe sie aber auch die Handlungssicherheit von Personen in stressigen Arbeitsumgebungen und könne dafür sorgen, dass die Mitarbeitenden in Notsituationen einen kühlen Kopf bewahren und handlungsfähig blieben. Wichtig sei Rauschelbach zufolge dabei vor allem das Vertrauensverhältnis zwischen Trainer*in und Teilnehmer*in, weshalb ein Avatar bestenfalls ein digitales Abbild einer realen Person sein sollte. Auch eine detailgetreue, realistische Nachbildung der tatsächlichen Arbeitsumgebung helfe, um bestmöglich vorbereitet zu sein, genauso wie eine Beanspruchung möglichst vieler Sinne (sehen, hören, fühlen) der Teilnehmenden.

Doch wie sieht es für die übrigen Organisationen und Einrichtungen des öffentlichen Sektors abseits des Sicherheitstrainings aus? In einem Whitepaper beleuchtete das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) im Juni 2023 eben diese Frage. Sie erklären die Idee des Metaverse, beispielhafte Anwendungen sowie Herausforderungen, die XR für die öffentliche Verwaltung bereithalten könnte.

Die drei größten Potenziale: 

  1. Stärkere Partizipationsmöglichkeiten und damit Stärkung des Gemeinwesens,
  2. geringere Fehler bei der Planung von Projekten sowie
  3. ein verbesserter Zugang zur Verwaltung für die Bürger*innen.

Wie sähe das in der praktischen Anwendung aus? Ein Beispiel ist der Einsatz von XR bei Bauprojekten. Mithilfe eines digitalen Zwillings, einer originalgetreuen, virtuellen Kopie, können Planungsfehler vermieden und der Vorgang transparenter gestaltet werden. Anwohnende und betroffene Bürger*innen könnten Projekte besser verstehen und sich aktiv daran beteiligen.

Digitale Revolution auf der Baustelle: Wie XR Planungsfehler vermeidet und Bürger*innen einbindet
© workshopxr.autodesk.com

Zur praktischen Anwendung kommt XR seit Anfang 2023 in der Stadtverwaltung von Seoul in Südkorea. Eine Pionierarbeit. Dort trägt die Technologie maßgeblich dazu bei, öffentliche Dienste auf innovative Art und Weise zu erbringen. Kommunikation, Bildung, Handel – all das kann auch ohne physische Präsenz stattfinden. In Seoul hat man das Potenzial des Metaversums erkannt und in eine neue Realität umgesetzt. Dort kann man virtuell das Büro des Bürgermeisters, die Bibliothek und Veranstaltungen besuchen, Bürger*innenbeschwerden per Chat einreichen, amtliche Dokumente ausstellen lassen und Steuern zahlen. Es gibt auch spezielle Bereiche für Fintech-Unternehmen, für die Erörterung von Rechtsfragen sowie für den Austausch von Wissen über Personalmanagement.

Mögliche Grundpfeiler einer XR-Verwaltung

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit sich die deutsche Verwaltung für den Einsatz von XR entscheidet? Zuallererst braucht es Zeit, bis eine Regierung ein System geschaffen hat. Deshalb rät das Fraunhofer IAO dazu, früh mit dem Aufbau von Kompetenzen und der Infrastrukturen zu beginnen. Geeignet dazu seien Experimentierräume, gemeinschaftliche Prototype und Beziehungen mit den entsprechenden Anbietern aufzubauen. Als nächstes sollte Vertrauen das oberste Leitprinzip sein, sagt Harmen van Sprang, unabhängiger Experte auf dem Gebiet der Sharing- und Plattformökonomie. Insellösungen sind dabei wenig zielführend, denn gerade sie führen dazu, dass nicht an einem Strang gezogen und sich ausgeholfen wird, sondern letztlich zum Vertrauensverlust. Außerdem würden kleine Tech-Firmen schnell an einem System zerbrechen, dass zu viele Hürden aufbaut. Folglich braucht es entsprechende Mittel, um Start-ups zu stärken und zu fördern. Zudem gilt es Fragen der Ethik und des richtigen Umgangs mit Big Tech zu klären.

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Der öffentliche Sektor hat hier die Möglichkeit, von Beginn an eine hybride Welt zum Wohle der Bürgerinnen und Bürger und im Sinne des öffentlichen Sektors mitzugestalten und sollte die Chance nutzen, damit sich die Geschichte des Web2 nicht im Web3 wiederholt und das Internet von wenigen Konzernen dominiert wird.

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Fraunhofer IAO

Richtig implementiert weist die Technologie viele Vorteile auf. Möglicherweise ist es an der Zeit für die Verwaltung, in den sauren Apfel zu beißen und es auszuprobieren. Das Forschungsprojekt „NEXT-Reality macht es bereits vor. Nun gilt es abzuwarten, ob XR sich ebenso wie KI durchsetzen wird. Das Fraunhofer IAO plädiert in seinem Whitepaper: „Der öffentliche Sektor hat hier die Möglichkeit, von Beginn an eine hybride Welt zum Wohle der Bürgerinnen und Bürger und im Sinne des öffentlichen Sektors mitzugestalten und sollte die Chance nutzen, damit sich die Geschichte des Web2 nicht im Web3 wiederholt und das Internet von wenigen Konzernen dominiert wird.”

Das könnte die Verwaltung als Arbeitsplatz auch wieder attraktiver für die jüngere Generation machen. Zudem leben wir in Zeiten, in denen die Menschen sich von der Demokratie abwenden. Van Sprang sieht großes Potenzial: „XR could function as a bridge between the people and democracy. It could really benefit our society as a whole”. XR könnte als Brücke zwischen den Menschen und der Demokratie fungieren. Es könnte unserer Gesellschaft als Ganzes wirklich zugute kommen.

Dialog für eine ethische Technologiegestaltung

Außerdem erlaubt Van Sprang einen Blick in die Niederlande. Dort hat es sich als nützliche Strategie erwiesen, verschiedene Gruppen an einem Tisch zu versammeln und sie miteinander ins Gespräch zu bringen, denn die Einsatzmöglichkeiten sind groß. Vor zwei Jahren gründete er ein Netzwerk, das ebenfalls den Namen „Next Reality“ trägt. Darüber bringt van Sprang alle paar Monate etwa 30 Personen zusammen. „The idea is to exchange different perspectives in order for the narrative not only to be 'Big tech is going to harm our society' but 'How do we make this as ethical as possible and advantagous for everyone?'", sagt van Sprang. Die Idee ist es also, verschiedene Perspektiven auszutauschen, damit das Narrativ nicht nur lautet: 'Tech-Giganten schaden unserer Gesellschaft', sondern 'Wie können wir dies so ethisch wie möglich und zum Vorteil aller gestalten?

Das Netzwerk bringt nationale Ministerien, größere Städte, Universitäten, große Technologieunternehmen und Start-ups zusammen persönlich, aber auch online. Gemeinsam unterstützen die Mitglieder sich dabei, Projekte zu initiieren und XR in alle Ecken der Gesellschaft zu bringen. Denn aus Fehlern lernt man viel, weiß van Sprang. Seine Empfehlung an die deutsche Verwaltung lautet daher: Projekte anstoßen und einfach selbst ausprobieren.

So sind regionale und nationale Start-ups ein wesentlicher Bestandteil der weiteren Entwicklung. Es gilt, den Markt zu fördern und gleichzeitig Antworten darauf zu finden, wie mit den Tech-Giganten umzugehen ist, die für die Gesellschaft schädlich sein könnten. Van Sprang rät: „We need to find a balance between innovation and regulation, otherwise regulation will stifle innovation. And nobody wants that". Wir müssen ein Gleichgewicht zwischen Innovation und Regulierung finden, sonst wird die Regulierung die Innovation ersticken. Und das will niemand.

Was ist unter XR zu verstehen?

Extended Reality (XR), zu Deutsch „erweiterte Realität“, umfasst verschiedene Technologien, darunter Augmented „angereicherte" Reality (AR), Mixed „gemischte" Reality (MR) und Virtual „virtuelle" Reality (VR). Bei AR werden virtuelle Inhalte über die reale Welt gelegt, sichtbar auf einem Bildschirm, was Interaktion ermöglicht. MR funktioniert ähnlich, jedoch erfolgt die Interaktion direkt in der realen Welt, z. B. durch Gesten oder mit einem physischen Objekt wie dem Merge Cube. Dies ermöglicht multisensorische Lernerfahrungen. VR hingegen bietet ein vollständiges Eintauchen in virtuelle Welten mit Interaktionsmöglichkeiten, von einfachen 360°-Fotos bis zu sechs Freiheitsgraden für Bewegung im Raum.