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Ziel: Demokratische Resilienz

Jasmin Schaupmann über Demokratieförderung und Antidiskriminierung bei der Landespolizei Schleswig-Holstein

Zur Polizeiarbeit gehört es, demokratische Werte zu fördern und interne Strukturen kontinuierlich weiterzuentwickeln. Jasmin Schaupmann, Referentin für Antidiskriminierungs- und Demokratiearbeit bei der Landespolizei Schleswig-Holstein, gibt Einblicke in ihre Arbeit als Leiterin der Zentralen Ansprechstelle Antirassismus und Wertebeauftragte (ASAW). Sie erläutert außerdem, wie das Projekt „Demokratielotsen – von Polizei für Polizei“ die Sensibilität, Handlungskompetenz und demokratische Resilienz innerhalb der Sicherheitsbehörde stärkt und so einen Beitrag zu einer modernen, resilienten Polizeiarbeit leistet.

Verwaltung der Zukunft: Sie sind Referentin für Antidiskriminierungs- und Demokratiearbeit bei der Landespolizei Schleswig-Holstein und leiten die Zentrale Ansprechstelle Antirassismus und Wertebeauftragte (ASAW). Welche Aufgaben umfasst Ihre Arbeit und welche Ziele verfolgen Sie damit?

Jasmin Schaupmann: Unser Aufgabenspektrum wurde zu Beginn durch den Landesaktionsplan gegen Rassismus, der für die Landesverwaltung konzipiert wurde, geprägt.

Dieser umfasst im Wesentlichen drei Aufgabenschwerpunkte:

- Ansprechstelle (für Bürger*innen und Polizist*innen) für Beschwerden mit Rassismusbezug zur Polizei unterhalb der Strafbarkeitsschwelle

- Weiterentwicklung und Konzeption von Aus- und Fortbildungsinhalten im Themenbereich sowie die Erstellung von Handlungsanweisungen zu Stärkung der Sensibilität und Handlungskompetenzen

- Analyse von möglicherweise Rassismus begünstigenden Strukturen und Verfahrenswegen in der Organisation, um Bedarfe zu erkennen und Lösungen zu konzipieren

Seit der Entstehung hat sich vor allem das Feld der Organisationsentwicklung im Bereich Antidiskriminierung weiterentwickelt, unter anderem durch das Projekt „Demokratielotsen – von Polizei für Polizei“.

Mit allen Maßnahmen zielen wir zum einen darauf ab, die Sensibilität und Handlungskompetenzen der Kolleg*innen zu steigern – besonders in zunehmend komplexer erscheinenden gesellschaftspolitischen Zusammenhängen. Zum anderen ist unser Ziel die Demokratiestärkung, indem wir unsere Organisationsmitglieder weiterbilden und somit zur demokratischen Resilienz der Gesamtorganisation beitragen. Ein wichtiger Baustein ist zudem die Vertrauensarbeit zwischen Polizei und verschiedenen gesellschaftlich marginalisierten Gruppen, um so die beidseitige Kooperationsbereitschaft zu steigern.

VdZ: Wie kam es 2023 zur Gründung der Initiative „Demokratielotsen – von Polizei für Polizei“ und worum geht es dabei?

Jasmin Schaupmann ist Referentin im Bereich Antidiskriminierungs- und Demokratiearbeit bei der Landespolizei Schleswig-Holstein. Sie leitet die Zentrale Ansprechstelle Antirassismus und Wertebeauftragte (ASAW) der Polizei und treibt das Projekt „Demokratielotsen – von Polizei für Polizei“ voran, das demokratisches Bewusstsein und Resilienz innerhalb der Sicherheitsbehörde stärkt. Mit einem Masterabschluss in Politikwissenschaft und international vergleichender Soziologie verbindet sie wissenschaftliche Perspektiven mit praktischer Präventionsarbeit. In Vorträgen, Workshops und Diskussionsformaten vermittelt sie ihre Expertise praxisnah und dialogorientiert.

Schaupmann: Der damalige Landespolizeidirektor Herr Wilksen hatte von dem Projekt in Niedersachsen gehört und das Potenzial anhand der Entwicklung des Projektes in Niedersachsen erkannt. Vor diesem Hintergrund wurden im Anschluss viele Gespräche geführt, die zu dem gemeinsamen Willen führten, das Projekt auch nach Schleswig-Holstein zu holen. Mit dieser Aufgabe wurde ich Ende 2022 betraut. Dem Thema „Demokratische Resilienz“ wurde zu dem Zeitpunkt schon eine hohe Bedeutung zugemessen, was sich darin widerspiegelte, sinnvolle Maßnahmen zur Stärkung dieser Fähigkeit zu implementieren – hierbei wurde dieses Projekt jedoch nie als Ausgleich eines Defizits in diesem Bereich betrachtet, sondern als primärpräventive Maßnahme.

In dem Projekt Demokratielotsen werden intrinsisch motivierte Kolleg*innen zusammen mit Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. fortgebildet. In der Fortbildung erlernen die Teilnehmenden nicht nur Wissen über demokratiefeindliche Strömungen, sondern auch das Handwerkszeug mit diesen Phänomenen im Zwischenmenschlichen umzugehen und zielgruppenorientierte Maßnahmen zu ergreifen, um die eigenen Kolleg*innen zu sensibilisieren und zur Reflexion anzuregen.

Diese Maßnahmen der Kolleg*innen (aka Demokratielots*innen) werden dann mithilfe von Drittmitteln der Stiftung Mercator, die die Initiative fördert, umgesetzt. So sorgen wir mithilfe des Grassroots-Ansatzes für authentische, zielgruppenspezifische und bedarfsgerechte sowie regionale Angebote zur Demokratiestärkung innerhalb der Landespolizei Schleswig-Holstein.

Derzeit haben 55 Kolleg*innen ihre Qualifizierung abgeschlossen. Bis Ende 2026 wollen wir diese Zahl auf 80 Demokratielots*innen erhöhen.

VdZ: Wie erleben Sie die Umsetzung von Projekten zur Demokratieförderung und welche Aspekte halten Sie für besonders herausfordernd?

Schaupmann: Die Umsetzung von Projekten zur Demokratieförderung innerhalb der Landespolizei erlebe ich überwiegend positiv. Viele meiner Kolleg*innen sind sehr motiviert und sehen das Thema als wichtig an. Ich schätze den kreativen Spielraum und das Vertrauen der Führung, um Bedarfe zielgruppengerecht umzusetzen. Besonders hervorzuheben ist die tolle Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Organisationen, die durch ihre Offenheit und vertrauensvolle Zusammenarbeit dazu beitragen, die Polizeiorganisation mit neuen Perspektiven weiterzuentwickeln.

Zusätzlich etablieren sich bundesweite Netzwerke im Themenfeld, die eine wertvolle Ressource für den Austausch bieten. Durch diesen Austausch können Best-Practices geteilt und voneinander gelernt werden, was hilft, erfolgreiche Ansätze zu identifizieren und auf die eigene Organisation anzuwenden. Gleichzeitig bietet das Netzwerk die Möglichkeit, Herausforderungen gemeinsam zu reflektieren und Lösungen zu entwickeln, die über die Grenzen einzelner Organisationen hinauswirken. Dies fördert nicht nur den Wissensaufbau, sondern auch die Zusammenarbeit und das gemeinsame Nachdenken über neue Perspektiven und Strategien.

Als Herausforderung nehme ich wahr, das Thema als Grundsatzaufgabe und Fürsorgethema stärker in der Wahrnehmung zu verankern, während gleichzeitig die bestehenden Strukturen einer Großorganisation mit tradierten Verfahrensweisen berücksichtigt werden müssen. Das erfordert bisweilen einen Balanceakt zwischen der Förderung der Wahrnehmung des Themas und der Anpassung der etablierten Strukturen.

VdZ: Welche Schwerpunkte setzen Sie aktuell bei Ihrer Präventionsarbeit im Bereich Antidiskriminierung und Ihrer Arbeit als Wertebeauftragte?

Schaupmann: Aktuell setze ich in meiner Arbeit einen klaren Schwerpunkt auf die Schaffung von zielgruppengerechten Bildungsangeboten, die auf vielfältige Weise für Diskriminierung sensibilisieren und über demokratiegefährdende Phänomene aufklären. Besonders wichtig ist es uns, die Perspektive von Betroffenen authentisch zu vermitteln und die Akzeptanz der Komplexität sowie der Ambiguität des Themenfeldes zu fördern. Neben den Bildungsangeboten widmen wir uns auch weiterführenden Fragen der Organisationsentwicklung, um möglichst nachhaltige und personenunabhängige Veränderungen zu erreichen.

Zudem wird es zunehmend wichtiger, die eigene Arbeit transparent zu kommunizieren, da interne Prozesse von Organisationen von außen oftmals schwer nachvollziehbar sind. Offenheit über die eigene Arbeitsweise, Entscheidungen und Prozesse unterstützt Kooperation, schafft Vertrauen und erhöht die Nachvollziehbarkeit organisatorischen Handelns.

VdZ: Was hat Sie nach Ihrem Masterabschluss in Politikwissenschaft und international vergleichender Soziologie zur Polizei geführt, und wie nutzen Sie Ihren akademischen Hintergrund in Ihrer Arbeit?

Schaupmann: Es ist weniger das konkrete Wissen, das mir mein Studium vermittelt hat, sondern vor allem die Kompetenzen, die mich in meiner täglichen Arbeit als Antirassismus- und Wertebeauftragte unterstützen. Durch mein Studium in Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie habe ich die Fähigkeit entwickelt, komplexe Themen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten – sowohl auf der Makro- als auch auf der Mikroebene. Meine philosophische Ausbildung hat mir geholfen, ethische Fragestellungen und Gerechtigkeitsfragen auf einer Metaebene zu durchdenken, während die Soziologie und Politikwissenschaft mir das notwendige Werkzeug bieten, um soziale Strukturen und institutionelle Dynamiken zu analysieren und gezielt Veränderungen zu fördern.

Diese Kompetenzen ermöglichen es mir, Herausforderungen in meiner Arbeit zu erkennen und Lösungen zu entwickeln, die sowohl tiefgründig als auch praktisch umsetzbar sind. Besonders meine Hartnäckigkeit hilft mir, auch bei schwierigen Themen und Widerständen dran zu bleiben und langfristige, nachhaltige Veränderungen zu erzielen.

VdZ: Welche Erfahrungen aus Ihrer Arbeit – sei es in Projekten wie den Demokratielotsen oder in Ihrer allgemeinen Tätigkeit bei der ASAW – haben Sie persönlich geprägt?

Schaupmann: In meiner Arbeit, sowohl in Projekten wie den Demokratielotsen als auch in meiner allgemeinen Tätigkeit bei der ASAW, bin ich stetig mit unterschiedlichen Interessen und Perspektiven konfrontiert. Diese Erfahrungen haben mich in vielerlei Hinsicht geprägt. Hierdurch habe ich gelernt, diplomatisch und vermittelnd aufzutreten, um verschiedene Standpunkte zu integrieren und Lösungen zu finden, die für alle Beteiligten akzeptabel sind.

Zudem hat mich diese Arbeit darin bestärkt, langfristiger und strategischer zu denken. Oft geht es nicht um kurzfristige Erfolge, sondern darum, nachhaltige Veränderungen zu initiieren, die über einzelne Projekte hinaus Wirkung zeigen. Diese Erkenntnisse sind für meine Arbeit von großer Bedeutung, da sie mir helfen, auch in schwierigen Situationen die richtige Balance zwischen Interessenabwägung und Zielverwirklichung zu finden.

VdZ: Können Sie zum Abschluss ein bestimmtes Erlebnis oder eine konkrete Maßnahme aus Ihrer Arbeit als Best Practice für die Wirkungskraft von Demokratieförderung und Antidiskriminierungsarbeit mit uns teilen?

Schaupmann: Zu Beginn meiner Tätigkeit habe ich erstmals an einer Begegnungsveranstaltung zwischen Polizist*innen und Menschen mit Migrationshintergrund teilgenommen. Dort zum ersten Mal mitzuerleben, welche Effekte es hat, wenn Menschen sich auf Augenhöhe treffen und miteinander anstatt übereinander zu reden, habe ich als sehr positiv in Erinnerung. Zudem zeigen diese Momente, dass nicht immer didaktisch aufwendige Formate nötig sind, um Reflektionsfähigkeit sowie Empathie und Vertrauen zwischen gesellschaftlichen Gruppen zu stärken.


 

Jasmin Schaupmann auf dem 8. Berliner Kongress Wehrhafte Demokratie

Werkstatt I.II.2

🎤 Zwischen Leuchtturm und gelebter Demokratie – Sinn und Grenzen staatlicher Demokratieförderung
🗓️ 29. Juni 2026, 15:45-16:45 Uhr


Der 8. Berliner Kongress Wehrhafte Demokratie - Gesellschaftlicher Dialog für Innere Sicherheit, Verteidigungsfähigkeit und Zusammenhalt findet vom 29. bis 30. Juni 2026 im Kongresscenter im Hotel de Rome in Berlin statt.