Mehr als Technik: Vertrauen in den digitalen Sozialstaat
Rückblick auf den 4. ZuKo Sozialversicherungen
Zukunftsfähiger Sozialstaat: Diskussionen am Vorabend
Am Vorabend des 4. ZuKo Sozialversicherungen diskutierten unter anderem Peter Altmaier (Bundesminister a.D./Beiratsvorsitzender Wegweiser), Dr. Tanja Machalet MdB (SPD), Dr. Christine Fuchsloch (Präsidentin Bundessozialgericht), Prof. Dr. Raffelhüschen (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg) und Albert Stegemann MdB (CDU/CSU) über den aktuellen Stand des Sozialstaats, seine Kosten und den drängenden Reformbedarf.
Die Debatte drehte sich unter anderem um die steigenden Sozialausgaben und die Belastung künftiger Generationen, unterschiedliche gesellschaftliche Interessen, Effizienzpotenziale im Gesundheits- und Sozialbereich sowie die Bedeutung von Transparenz, realistischen Erwartungen und gut abgestimmten Prozessen zwischen Bund, Ländern und Kommunen.
Am Kongresstag selbst setzten die Gespräche mit 90 weiteren Referierenden fort, darunter Simone Borchardt MdB (CDU/CSU), Ralph Brinkhaus MdB (CDU/CSU), Ana Dujić (BMAS), Dr. Matthias Flügge (DRV Bund), Dr. Stephan Fasshauer (DGUV), Christina Ramb (BDA), Prof. Dr. Wolfgang Schroeder (Universität Kassel) und Katrin Willnecker (ver.di).
Sozialstaat im digitalen Wandel
Das Eröffnungsplenum des 4. ZuKo Sozialversicherungen machte deutlich, dass der Sozialstaat weiterhin ein zentrales Element des gesellschaftlichen Zusammenhalts darstellt, gleichzeitig aber vor großen Herausforderungen steht. Historisch betrachtet gilt Deutschland als Pionier der Sozialversicherung, von Otto von Bismarck bis zur dynamischen Rente unter Adenauer, jede Generation müsse das System jedoch neu gestalten. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, steigender Lebenserwartung und komplexer Erwerbsbiografien sind Reformen dringend notwendig, um Leistungsgerechtigkeit, Bedarfsgerechtigkeit und Finanzierbarkeit in Einklang zu bringen.
Digitalisierung und KI wurden dabei als zentrale Treiber für die Modernisierung angesprochen. Leuchtturmprojekte in der Rentenversicherung und im Gesundheitswesen zeigen, wie Prozesse effizienter gestaltet werden können, während Datenschutz, Rechtskonformität und Transparenz wesentliche Rahmenbedingungen bleiben.
Strukturelle und organisatorische Fragen standen im Mittelpunkt der Diskussion: Das bestehende System ist kompliziert und fragmentiert, mit zahlreichen Schnittstellen zwischen einzelnen Leistungen. Dabei gäbe es sowohl Effizienzpotenziale in der Sozialverwaltung als auch in der Gesundheitsversorgung. Diskutiert wurden unter anderem strukturelle Reformen der Krankenhauslandschaft, die Nutzung vorhandener Ressourcen und die Notwendigkeit eines bürgerfreundlichen, durchlässigen Teilhabesystems, das Menschen nachhaltig in den Arbeitsmarkt integriert. Verbesserungspotenzial besteht in stärkerer Verbindlichkeit, besserer Arbeitsverwaltung und klaren Strukturen. Effizienz kann dabei nur erreicht werden, wenn Reformen gleichzeitig generationengerecht gestaltet und politisch gesteuert werden.
Vom Antrag zur Automatik
In einer weiteren Session wurde der Weg zu einfacheren, medienbruchfreien Prozessen thematisiert. Bürger*innen erwarten unkomplizierte Abläufe, sehen jedoch nicht, den komplexen Datenaustausch, der hinter den Kulissen abläuft. Diskutiert wurden unter anderem Optimierungspotenziale bei Datenformaten, eindeutige IDs zur Vermeidung von Dubletten sowie gesetzliche Regelungen wie das Datendoppelerhebungsverbot („Once Only“) und das Ersterhebungsgebot.
Ein zentrales Ergebnis: Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Wertschätzung in der Kommunikation und der Fokus auf den Menschen im Mittelpunkt der Verwaltung sind außerdem entscheidend, um das Vertrauen der Bürger*innen zu stärken.
Mensch & Maschine: KI in der Sozialverwaltung
Die Diskussion zum Thema „Mensch & Maschine“ machte deutlich, dass der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Verwaltung zunehmend an Bedeutung gewinnt, gleichzeitig aber sorgfältig gestaltet werden muss. Angesichts von rund 46 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland stellt sich die Frage, wie KI künftig in der Breite genutzt werden kann. KI wird in nahezu allen Berufen eine Rolle spielen, weshalb die Vermittlung von KI-Kompetenzen („AI Literacy“) für alle Beschäftigten zentral ist. Niedrigschwellige Angebote, Basiskurse und Labore wie bei der Deutschen Rentenversicherung sollen Mitarbeitende befähigen, KI zu verstehen, anzuwenden und reflektiert einzusetzen, unter besonderer Berücksichtigung sensibler Daten.
Leuchtturmprojekte wie KIRA bei der DRV oder KI-Lösungen zur Unfallvermeidung bei der BG Bau zeigen, dass KI bereits praktisch eingesetzt wird, um Mitarbeitende zu entlasten, Abläufe effizienter zu gestalten und Dienstleistungen für Bürger*innen zu verbessern. Gleichzeitig bleibt die menschliche Entscheidungskompetenz („Human-in-the-Loop“) maßgeblich, um verantwortungsvolle Nutzung sicherzustellen und demokratische Prinzipien zu wahren.
Zudem verändern KI und Automatisierung die Berufsbilder: Hybride Teams aus Mensch und KI-Agenten werden zunehmend üblich. Führungskräfte spielen eine Schlüsselrolle, da sie den Wandel aktiv begleiten müssen. Ein weiteres Ergebnis der Diskussion: Berufseinsteiger*innen und KI müssen gleichzeitig „gefördert“ werden, um langfristig Expertise und Leistungsfähigkeit in der Verwaltung zu sichern.
Verstehen. Vertrauen. Verändern.
In der Abschlusssession wurden die Wertschätzung unseres Sozialsystems und Bürger*innenorientierung als zentrale Themen diskutiert. Berichte von negativen Erlebnissen, wenn man in Kontakt mit Behörden tritt, gibt es zahlreiche. Prozesse sollten daher stärker vom Menschen ausgehen und sich an Lebenslagen orientieren – nicht an den Organisationen der Sozialverwaltung. Es ist außerdem wichtig, Lösungen aufzuzeigen, nicht nur bestehende Probleme. Nur so könne das Vertrauen der Menschen in den Staat und damit auch in unsere Demokratie wieder gestärkt werden.
Ein weiterer Schwerpunkt war, wie bereits mehrfach an diesem Tag, die Digitalisierung: Gut funktionierende, nutzerfreundliche digitale Dienstleistungen und One-Stop-Shop-Ansätze können helfen, die Sozialverwaltung bürger*innenfreundlicher zu gestalten. Gleichzeitig wurde betont, dass Veränderungen eine sorgfältige Analyse der bestehenden Strukturen erfordern. Dabei wurden sowohl die ungleiche Vermögensverteilung in Deutschland als auch die zentrale Rolle des Sozialstaats für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Frieden thematisiert. Nicht zuletzt zeigte die angesprochene europäische Vernetzung der Sozialversicherungen Potenzial für den Austausch von Best Practices.
Fünf zentrale Erkenntnisse des 4. ZuKo Sozialversicherungen 2025
- Dringender Reformbedarf: Demografischer Wandel, Fachkräftemangel und steigende Kosten machen strukturelle Anpassungen in den Sozialversicherungssystemen unverzichtbar.
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Gezielte Digitalisierung: Automatisierung und KI können Prozesse effizienter gestalten und Mitarbeitende entlasten, vorausgesetzt die rechtlichen Rahmenbedingungen, Transparenz und Bürger*innenorientierung werden gewährleistet.
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Moderne Strukturen und Prozesse: Fragmentierte Systeme mit zahlreichen Schnittstellen müssen bürger*innenfreundlicher und effizienter werden, etwa durch medienbruchfreie Abläufe und One-Stop-Shop-Lösungen.
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Mensch und Kompetenzen im Fokus: Hybride Teams aus Mensch und KI, gezielte KI-Kompetenzentwicklung und engagierte Führungskräfte sind entscheidend, um die digitale Transformation erfolgreich umzusetzen.
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Politische und gesellschaftliche Verantwortung: Die Modernisierung des Sozialstaats ist mehr als Technik. Reformen wirken direkt auf Generationengerechtigkeit, Finanzierung und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Zügiges Handeln und ein klares Erwartungsmanagement sind notwendig, um Vertrauen und Akzeptanz der Bürger*innen zu sichern.
Save the Date: Zukunftskongress Sozialstaat
Nach vier Jahren als Satellitenveranstaltung macht der ZuKo Sozialversicherungen 2026 den nächsten großen Schritt: Er findet erstmals als zweitägiger Zukunftskongress Sozialstaat unter dem Leitmotiv „Soziale Sicherheit und Sozialversicherungen im digitalen Wandel“ statt.
Datum: 25.–26. November 2026
Ort: Humboldt Carré, Berlin
Alle Infos unter: https://www.sozialstaat.info/de
Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme!
Weitere Impressionen zum 4. ZuKo Sozialversicherungen finden Sie unter folgendem Link: https://www.zukunftskongress.de/de/zuko-sv-impressionen-2025