Bernd Schlömer
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Sachsen-Anhalt 2030: Digitale Verwaltung, Kompetenzentwicklung und kommunale Zusammenarbeit

CIO Bernd Schlömer im Interview

Sachsen-Anhalt hat in den letzten Jahren die Digitalisierung der Verwaltung deutlich ausgebaut. Digitale Kompetenzentwicklung und neue Arbeitsformen, auch in der Zusammenarbeit mit den Kommunen, rücken dabei in den Mittelpunkt.
Wie das achtgrößte Bundesland seine Verwaltungsdigitalisierung bis 2030 vorantreiben möchte, erläutert Staatssekretär und CIO Bernd Schlömer im Interview.

Verwaltung der Zukunft: Die Strategie „Sachsen-Anhalt Digital 2030“ umfasst über 150 Maßnahmen in 18 Themenfeldern, darunter digitale Dienstleistungen, Bildung und New Work. Welche Fortschritte sehen Sie aktuell bei der Umsetzung?

Bernd Schlömer: In der Digitalstrategie Sachsen-Anhalt 2030, die als Dachstrategie fungiert, bündeln wir für das Land Interessen, Ziele und Anliegen der Digitalisierung bis 2030. Neu und positiv ist, dass die Themenfelder ressortübergreifend vereinbart wurden und ein Umsetzungs- und Kontrollmonitoring vorgesehen ist. Derzeit arbeiten wir an der Zwischenevaluation, führen Gespräche mit allen Ressorts und können so den Umsetzungsstand der Digitalisierung in den 18 Themenfeldern sehr gut nachvollziehen. 

Ich möchte Ihnen ein paar Zahlen als beispielhafte Anhaltspunkte nennen: Wir haben neun Coworking-Spaces eingerichtet und über 20 Projekte zur digitalen Kompetenzerweiterung unserer Beschäftigten und der Bevölkerung in Sachsen-Anhalt auf den Weg gebracht. Bei der Verwaltungsdigitalisierung haben wir vom letzten Platz im Länder-Ranking ausgehend ein gutes Maß gefunden und signifikante Fortschritte erzielt: Mehr als 200 Verwaltungsleistungen können nun flächendeckend in Sachsen-Anhalt digital angeboten werden. Das ist ein spürbarer und bedeutsamer Digitalisierungsgrad, der sehr erfreulich ist.

VdZ: Digitale Kompetenzentwicklung ist ein zentraler Teil der Strategie von Sachsen-Anhalt sowie des Schwerpunktthemas „Digitale Transformation“ im IT-Planungsrat. In welchen Bereichen halten Sie diese für essenziell und welche Maßnahmen werden dafür ergriffen?

Schlömer: Wir unterscheiden im Grunde drei Bereiche der Kompetenzvermittlung: formale, non-formale und informelle Aus-, Fort- und Weiterbildung.

Da wir hierfür keine unmittelbare Zuständigkeit haben, etwa Fortbildungen in Sachsen-Anhalt selbst durchzuführen, geht es uns vor allem darum, durch Gespräche und Einflussmöglichkeiten den digitalen Kompetenzerwerb zu fördern, sodass unsere Mitarbeitenden die Chancen der Digitalisierung besser erkennen als die Risiken, Projekte annehmen und Erfahrungen sowie Wissensgewinne im Prozess- und Projektmanagement sammeln.

 

Seit 2021 ist Bernd Schlömer Staatssekretär für Digitalisierung im Ministerium für Infrastruktur und Digitales des Landes Sachsen-Anhalt und Beauftragter der Landesregierung für die Informationstechnik (CIO).
© MID/Foto: Ronny Hartmann

Wir freuen uns auch, dass die Innenministerkonferenz diese Zielstellung aufgenommen hat: Die Laufbahnausbildung für den allgemeinen Verwaltungsdienst erhält nun obligatorische digitale Bausteine, sodass junge Menschen von Anfang an stärker darin geschult werden, Digitalisierung als Chance statt als Risiko zu verstehen und keine Angst davor zu entwickeln – zwei ganz entscheidende Punkte.

Darüber hinaus haben wir Netzwerke gebildet, etwa im Zusammenhang mit Entbürokratisierungsprojekten, die den informellen Austausch und den Kompetenzerwerb fördern. Wir stehen im engen Austausch mit Ausbildungsinstitutionen, um dazu beizutragen, dass Mitarbeitende besser ausgebildet werden.

Das Thema wurde auch im IT-Planungsrat als Teilziel der digitalen Transformation aufgenommen, da wir als CIOs und IT-Staatssekretäre festgestellt haben, dass es oftmals Vorbehalte gibt, Digitalprojekte anzunehmen. Seither versuchen wir in allen Verwaltungsbereichen dafür zu werben, dass wir stärker in die Aus-, Fort- und Weiterbildung in diesem Segment investieren müssen.

Insofern gibt es nicht einen spürbaren, messbaren Erfolg, sondern es ist vor allen Dingen eine kommunikative Aufgabe, dass die Verantwortlichen in Bund, Ländern und Kommunen das Thema digitale Kompetenzentwicklung als ihre Aufgabe wahrnehmen. Im Bereich der KI-Nutzung ist entsprechende Aus- und Weiterbildung bereits obligatorisch, und wir bieten auch hier unterstützende Lösungen an.

VdZ: Spüren Sie, dass sich langsam ein Kulturwandel vollzieht und die Hemmnisse bei Digitalisierungsprojekten abnehmen?

Schlömer: In Sachsen-Anhalt erleben wir inzwischen Verbesserungen. Das hängt auch mit dem demografischen Wandel zusammen: Ältere Führungskräfte scheiden aus, jüngere rücken nach und sind oft offener für moderne Arbeitsmethoden. Wir haben zudem eine eigene PMO-Einheit aufgebaut, die innerhalb der Verwaltung Kompetenzen im Projektmanagement bündelt und zeitgerechtes Arbeiten in Projekten gewährleistet.

Wir merken, dass Anfragen nach Hilfe – etwa „Könnt ihr uns zeigen, wie ihr vorgeht?“ – stärker angenommen werden. Das ist eine Form non-formaler, informeller Unterstützung, die gut funktioniert. Mit zunehmendem Digitalisierungsgrad steigen die Nachfragen, was uns sehr freut und zeigt, dass wir damit im Bundesland besser operieren können. Natürlich kann man das nicht pauschalisieren: Auch ältere Führungskräfte nehmen Digitalisierungsprojekte an, und auch jüngere haben teilweise Unsicherheiten.

VdZ: Um Online-Dienstleistungen für Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen weiter auszubauen, ist die Zusammenarbeit mit den Kommunen entscheidend. Wie gut funktioniert diese aktuell in Sachsen-Anhalt?

Schlömer: Wir haben vor drei Jahren begonnen, mit den Kommunen gemeinsame Sache zu machen – ohne Vorbedingungen, auf Augenhöhe, partnerschaftlich und kollaborativ beim Thema Digitalisierung. Anfangs gab es hohe Skepsis, weil Land und Kommunen bisher meist über Erlasswege kommunizierten, aber das wollten wir auflösen. Die gemeinsame Arbeit hat sich dann kristallisiert. Zunächst hieß das CIO-Projekt, heute läuft es unter „Gemeinsam digital Sachsen-Anhalt“, und seither gestalten wir Digitalisierung in einem robusten Netzwerk für Sachsen-Anhalt.

Wir lassen uns stark von den Kommunen leiten: Sie geben ihre Bedarfe vor, und wir setzen diese gemeinsam um. Das betrifft Basisdienste, Beteiligungsportale, Fokusleistungen, Rollout und Rollin finanziell unterstützter Projekte, das Digital-Lotsen-Modell aus Sachsen sowie Projekte für mehr IT-Sicherheit. Für die Art und Weise, wie wir das Projekt umgesetzt haben, hat das Land beim eGovernment-Wettbewerb 2025 den ersten Platz in der Kategorie „Verwaltungstransformation durch Organisations- und Veränderungsmanagement“ gewonnen. Mittlerweile hat sich ein selbsttragendes Netzwerk gebildet, in dem Kommunen sowohl mit Landesvertretern als auch untereinander Lösungen erarbeiten.

 

CIO Bernd Schlömer beim 11. Zukunftskongress Staat & Verwaltung. Links daneben Martin Schallbruch (govdigital).
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Ein Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist das Projekt „Zentrale Serviceangebote für starke Kommunen“. Dort haben wir erstmalig in Deutschland untersucht, ob es Chancen gibt, Services technisch, personell, organisatorisch und finanziell zu bündeln und einen zentralen Verwaltungshelfer aufzubauen, der die Kommunen dabei unterstützt, Bürgeranliegen besser abzubilden. Die Kommunen wurden gefragt, für welche Leistungen sie eine Machbarkeitsprüfung wünschen. Insgesamt wurden 15 Online-Dienste benannt, darunter Ummeldungen, Querschnittsanliegen wie zentraler Posteingang oder Wissensmanagement.

Wir haben daraufhin die Machbarkeit untersucht und konnten im Grunde bei vielen Leistungen nachweisen, dass die Bündelung technisch funktioniert. Bei zwei Diensten haben wir das dann auch pilotiert: Hundehaltung und Wohngeld.

Bei der Hundehaltung lachen viele zunächst darüber, aber es ist ein alltäglicher und weit verbreiteter Dienst. Wer seinen Hund anmelden möchte, muss zur Kommune, Steuern zahlen etc. Auch hier zeigte die Pilotierung, dass es gut funktioniert, wenn die IT-Prozesse an einer Stelle zusammengeführt werden. Wir gehen nun – auf freiwilliger Basis – mit den Kommunen in den Echtbetrieb und wollen die Hundehaltung zunächst nur noch zentral abwickeln. Damit übernimmt das Land vorerst diese Abläufe für die Kommunen. Das ist eine ganz andere Art der Zusammenarbeit.

Alles in allem ist das Projekt sehr erfolgreich. Wir versuchen, die Ergebnisse breit zu kommunizieren, damit alle Kommunen und Länder von unseren Arbeitsergebnissen profitieren können. Und das ist ein sehr schönes Projekt, weil es im Grunde die Methodik der Zusammenarbeit erweitert.

Wir wollen perspektivisch auch eine Geschäftsprozessoptimierung umsetzen, z. B. die Zahlung an den Anfang zu stellen, was bisher nicht üblich ist. So entfällt das Forderungsmanagement: Erst zahlen, dann anmelden – ähnlich wie bei Online-Käufen. Ziel ist es, die Kommunen zu entlasten. Wir beobachten gespannt, wie die Angebote angenommen werden.

VdZ: Der Fachkräftemangel in der Verwaltung ist allgegenwärtig. Sachsen‑Anhalt hat einen besonders hohen Bedarf an IT‑Fachkräften. Wie würden Sie den aktuellen Stand beurteilen – gibt es positive Entwicklungen?

Schlömer: Wir leiden unter einer Wiederbesetzungssperre. Das Land Sachsen-Anhalt steht – wie andere Länder auch – vor der Herausforderung, dass die Haushalte immer enger werden. Aktuell können wir daher nicht mehr auf dem freien Arbeitsmarkt rekrutieren, sondern müssen innerhalb des bestehenden Personalkörpers Menschen finden, die sich für Digital- und IT-Verwendungen interessieren. Die Möglichkeiten sind aktuell also sehr begrenzt, aber angesichts der Sparzwänge muss auch beim Personal gespart werden.

Wir versuchen, dem durch die Gestaltung moderner Arbeitsumgebungen entgegenzuwirken. In meinem Bereich haben wir zum Beispiel ein erfolgreiches Projekt zu New Work umgesetzt. Durch moderne Arbeitsmittel, offene Arbeitsumgebungen, Auflösung von Einzelbüros und stärker teamorientiertes Arbeiten schaffen wir infrastrukturelle Lösungen und Kommunikationsinseln, die Austausch und Vernetzung fördern. So können wir Arbeitsbedingungen bieten, die auch interessierte Mitarbeitende aus anderen Ressorts und Verwaltungsbereichen anziehen.

Mit eingeschränkten Möglichkeiten haben wir so, denke ich, eine der modernsten Arbeitsumgebungen in der Landesverwaltung Sachsen-Anhalts geschaffen. Auch die Arbeit ohne Hierarchien – zum Beispiel, dass ich kein eigenes Büro habe, sondern offen im Raum sitze und immer ansprechbar bin – ist Teil der Führungs- und Organisationskultur. Wir schaffen Attraktivitätsfaktoren, damit Menschen sagen: „Da will ich arbeiten, das sind ganz coole Leute.“

VdZ: Wie gestaltet sich aktuell die Zusammenarbeit mit den anderen Bundesländern im IT-Planungsrat, insbesondere in Bezug auf digitale Souveränität? Können Sie außerdem einen Einblick in den Stand des Deutschland-Stacks geben?

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Schlömer: Wir sind in der Zusammenarbeit gestärkt durch die Digitalministerkonferenz (DMK) und den IT-Planungsrat, die das Thema Digitalisierung auf allen Ebenen forcieren. Der Bund hat sich ja auch dazu entschieden, ein eigenes Bundesdigitalministerium auf den Weg zu bringen, was sicherlich vorteilhaft ist, um das Thema auch besser in die Organisationsstrukturen von Bund, Ländern und Kommunen zu integrieren.

Digitale Souveränität gewinnt dabei zunehmend an Bedeutung. Für Sachsen-Anhalt werden wir gemeinsam mit der Universität Magdeburg und der Datenschutzbeauftragten ein Expertenforum begründen. Das ist bislang in Deutschland insofern einzigartig, dass bislang die Datenschutzbehörde nie aktiv mitgemischt hat. Im Expertenforum bündeln wir unsere Kräfte, um eine einheitliche Position zu erarbeiten. Ziel ist es, die Diskussion über stärkere Souveränität im Land voranzubringen.

Ich nehme ähnliche Aktivitäten auch in anderen Bundesländern wahr, auch vor dem Hintergrund, dass wir einen Umgang finden müssen, wie wir mit den neuen Lizenzbedingungen von Microsoft umgehen. Auch der Internationale Strafgerichtshof hat ja den Einsatz von Microsoft-Produkten eingestellt, offenbar aufgrund schlechter Erfahrungen mit dem US-Government. Und davor müssen wir uns auch ein bisschen schützen.

Souveränität bedeutet nicht, alles auf Open Source umzustellen, sondern Auswahlmöglichkeiten und Selbstbestimmung im Umgang mit Software zu ermöglichen. Mit dem Roundtable möchten wir prüfen, für welche Stellen, in welcher Form und unter welchen technischen Voraussetzungen souveräne Software in Sachsen-Anhalt integriert werden kann. Im IT-Planungsrat arbeiten wir mit der FITKO teilweise schon mit Open-Desk-Lösungen. Gleichzeitig stehen wir aber beispielsweise bei Microsoft Excel in einem sehr starken Abhängigkeitsverhältnis, weil es zum Teil direkt in Fachverfahren integriert ist.

Bezüglich des Deutschland-Stacks warten wir noch auf verlässliche Informationen. Das Konzept sieht offenbar einen Plattform-Kern vor – z. B. für Identität und Bezahlkomponenten – mit fakultativen Erweiterungen wie KI-Elementen, so hört man es zumindest über den Flurfunk. Wir erwarten hierzu konkrete Details bis zum 31. März, wie vom BMDS angekündigt.

VdZ: Künstliche Intelligenz wird in der Strategie Sachsen-Anhalt Digital 2030 kaum genannt. Welchen Stellenwert hat KI bei der digitalen Transformation in Sachsen-Anhalt?

Schlömer: Die Anwendung von KI-Lösungen hat für uns einen hohen strategischen Wert, insbesondere im Bereich Automatisierung und RPAs, die Massenverwaltungsprozesse deutlich vereinfachen. In der Digitalstrategie selbst ist KI nicht explizit enthalten, da die Verantwortung für die KI-Strategie Teil der Innovationsstrategie im Wirtschaftsministerium ist. Unsere Strategie konzentriert sich auf die Dachthemen der Digitalisierung.

Nichtsdestotrotz prüfen wir kontinuierlich neue Möglichkeiten. Derzeit bauen wir eine Landesinstanz des Hamburger Sprachassistenten LLMoin auf und pilotieren das Tool. Die Nachfrage ist enorm – noch nie gab es so viel Interesse, mit einem Tool zu arbeiten wie mit diesem. Wir starten mit einer Pilotierung von 1.000 Lizenzen, der tatsächliche Bedarf ist aber bereits jetzt deutlich höher. 

LLMoin wird vor allem für Textzusammenfassungen und Recherche, aber auch für freies Prompten genutzt. Ein großer Vorteil des Tools ist, dass es DSGVO-konform ist und IT-sicher über Dataport betrieben wird. Die Mitarbeitenden sind sehr zufrieden damit und fragen täglich nach weiteren Lizenzen. Das kostet natürlich auch, aber wir wollen das gerne ermöglichen.

Wir sind im operativen Einsatz damit bereits weiter als im strategischen, was wir für den richtigen Weg halten: nicht zu viel regulieren, sondern ausprobieren, Erfahrungen sammeln und bei Erfolg skalieren. Damit liegen wir in der operativen Nutzung weiter vorne als viele andere Bundesländer. 

VdZ: Zum Abschluss: Wie sieht für Sie die ideale digitale Verwaltung im Jahr 2030 aus?

Schlömer: Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Für mich wäre die ideale Verwaltung 2030 so, dass die Arbeit der Mitarbeitenden durch nutzerorientierte Technologie unterstützt wird. Die Aufgaben lassen sich mühelos erledigen, weil Assistenzsysteme zur Verfügung stehen.

Die Produkte der Verwaltung – also Leistungen für Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen – werden als echter Gewinn wahrgenommen, da sie einfach, nutzerfreundlich und ortsunabhängig verfügbar sind. Die Verwaltung handelt proaktiv, indem sie beispielsweise die Einkommenssteuererklärung automatisch bereitstellt, bevor die Bürgerinnen und Bürger selbst aktiv werden müssen.

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Ziel ist eine Verwaltung, die glückliche Mitarbeitende, zufriedene Bürgerinnen und Bürger und leicht nutzbare Services bietet.

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