Nachhaltige Textilbeschaffung
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Textil und öffentliche Beschaffung: „Jede Uniform hat eine Lieferkette hinter sich”

Kiara Winona Sweeney zur Relevanz nachhaltiger Textilbeschaffung

Textilien sind eine der politisch relevantesten Produktgruppen in der öffentlichen Beschaffung – sozial risikobehaftet, ökologisch komplex und rechtlich zunehmend geregelt. Im Gespräch erklärt Kiara Winona Sweeney, Programmleiterin der Circular Impact Procurement Initiative (CIPI) beim Yunus Environment Hub, warum der Textilsektor ein zentraler Hebel für nachhaltige Vergabe in Deutschland ist – und was es braucht, um diesen Hebel wirklich zu nutzen.

Verwaltung der Zukunft: Frau Sweeney, warum ist nachhaltige Textilbeschaffung gerade jetzt so ein drängendes Thema für den öffentlichen Sektor in Deutschland?

Kiara Winona Sweeney: Textilien begegnen uns überall in der öffentlichen Beschaffung – Arbeitskleidung für Behörden, Bettwäsche in Krankenhäusern, Uniformen für Sicherheitsdienste. Hinter jedem dieser Produkte steckt eine globale Lieferkette, die oft mit erheblichen sozialen und ökologischen Risiken verbunden ist. Zugleich verfügt die öffentliche Hand insgesamt über eine enorme Marktmacht: Das öffentliche Beschaffungsvolumen in Deutschland lag 2024 laut Statistischem Bundesamt bei rund 135 Milliarden Euro. Wenn ein so großes Nachfragevolumen gezielt soziale und ökologische Standards einfordert, verändert das Märkte.

VdZ: Die Bundesregierung hat mit dem Stufenplan und dem Leitfaden konkrete Instrumente geschaffen. Was steckt dahinter?

Sweeney: Der Stufenplan zur nachhaltigen Textilbeschaffung ist seit dem 15. März 2023 in Kraft. Er verpflichtet alle Behörden und Einrichtungen der unmittelbaren Bundesverwaltung, bis Ende 2026 mindestens 50 Prozent der Textilien, ausgenommen Sondertextilien wie Schutzbekleidung der Bundeswehr, nach ökologischen und sozialen Kriterien zu beschaffen. Das Ziel wird schrittweise aufgebaut: Von 10 Prozent Ende 2023 über 30 Prozent Ende 2025 bis zu 50 Prozent Ende 2026.

Gleichzeitig liegt der Leitfaden der Bundesregierung für eine nachhaltige Textilbeschaffung der Bundesverwaltung mittlerweile in seiner dritten, im März 2025 aktualisierten Auflage vor. Er bietet konkrete Kriterien entlang der gesamten Lieferkette und eine aktualisierte Übersicht zu Gütezeichen, darunter GOTS, Fairtrade Cotton und der Blaue Engel, und kann als Orientierungsrahmen auch für Länder und Kommunen genutzt werden.

VdZ: Wie ehrlich muss man sein, was die bisherige Umsetzung betrifft?

Sweeney: Sehr ehrlich. Das 50-Prozent-Ziel existierte eigentlich schon im Maßnahmenprogramm Nachhaltigkeit von 2015 mit einem Zieljahr 2020, es wurde verschleppt und nicht erreicht. Jetzt wurde die Zielmarke auf 2026 verschoben, sechs Jahre später als ursprünglich geplant. Das zeigt: Instrumente allein reichen nicht. Was fehlt, ist ein klares, transparentes Monitoring. Bis heute ist nicht ersichtlich, welche Bundesbehörde wie viel nachhaltig beschafft hat. Ohne diese Transparenz bleibt das Ziel schwer überprüfbar.

VdZ: Was bedeutet zirkuläre Textilbeschaffung konkret – und welche Rolle spielen dabei gemeinwohlorientierte Unternehmen?

17.09.2025
Circular Impact Procurement
Nachhaltige Beschaffung

Circular Impact Procurement

Wie nachhaltige Beschaffung mit gemeinwohlorientierten Unternehmen gelingt

Sweeney: Zirkuläre Textilbeschaffung bedeutet, den gesamten Lebenszyklus eines Produkts mitzudenken: von der Faser bis zur Rückgabe oder zum Recycling. Konkret geht es um Fragen wie: Können Kunstfasern aus rezyklierten Materialien eingesetzt werden? Ist das Produkt reparierbar, wiederverwendbar oder am Lebensende werkstofflich recycelbar?

Gemeinwohlorientierte Unternehmen gehen dabei weiter als reine Compliance: Sie verbinden ökologische Anforderungen mit sozialer Wirkung – beispielsweise durch faire Arbeitsbedingungen, Integration von Menschen mit Behinderungen oder die Stärkung regionaler Strukturen. Diese doppelte Wirkung macht sie zu idealen Partnern für eine öffentliche Hand, die zunehmend unter ESG-Reporting-Druck steht. CIPI begleitet genau solche Unternehmen dabei, vergabereif zu werden und ihre Lösungen in öffentliche Beschaffungsprozesse einzubringen.

VdZ: Wo liegen die größten praktischen Hürden für Beschaffungsteams, die jetzt starten wollen?

Sweeney: Drei Punkte tauchen immer wieder auf. Erstens: Rechtsunsicherheit. Viele Beschaffungsstellen wissen nicht, wie sie Nachhaltigkeitskriterien rechtssicher in Ausschreibungen formulieren, ohne den Wettbewerb zu verzerren. Zweitens: Kapazitätsengpässe. Nachhaltige Textilbeschaffung erfordert Marktkenntnis, neue Bewertungsmethoden und Beratungsbedarf, das ist im ohnehin dichten Beschaffungsalltag kaum zu stemmen. Drittens: fehlende Sichtbarkeit nachhaltiger Anbieter. Zirkuläre und gemeinwohlorientierte Textilanbieter sind vorhanden, aber oft nicht durch klassische Vergabekanäle erreichbar.

VdZ: Welche konkreten Einstiegspunkte empfehlen Sie Beschaffungsteams?

Sweeney: Drei Empfehlungen. Erstens: Den aktualisierten Leitfaden der Bundesregierung nutzen; er ist kostenlos, praxisnah und listet direkt anwendbare Siegel und Kriterien auf. Zweitens: Mit einer Produktgruppe starten, etwa Bettwäsche oder Arbeitskleidung, und daraus Erfahrungen für andere Bereiche ableiten. Und drittens: Marktgespräche frühzeitig führen. Marktdialoge vor der Ausschreibung helfen, soziale und zirkuläre Anbieter sichtbar zu machen, ohne die spätere Vergabe zu kompromittieren. Das Umweltbundesamt hat zudem eigene UBA-Leitfäden zu Bekleidungstextilien und Bettwäsche veröffentlicht, die auf den Kriterien des Blauen Engel basieren und direkt als Leistungsbeschreibung genutzt werden können.

VdZ: Wie sehen Sie die Perspektive bis 2030?

Sweeney: Das 50-Prozent-Ziel für die Bundesverwaltung bis Ende 2026 ist ein wichtiger Meilenstein,  aber er muss auch wirklich erreicht und transparent nachgewiesen werden. Das steht aus. Und langfristig brauchen wir eine 100-Prozent-Quote bis 2030 für alle Ebenen: Bund, Länder und Kommunen. Was mich doch zuversichtlich stimmt: Die Instrumente werden besser, der Leitfaden wurde 2025 erneut geschärft, und das Bewusstsein wächst langsam. Wenn Politik, Verwaltung und Initiativen wie CIPI konsequent zusammenarbeiten und Monitoring endlich ernst genommen wird, ist das erreichbar.


CIPI wird im Rahmen des Programms „Nachhaltig wirken" vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) und der Europäischen Union über den Europäischen Sozialfonds Plus (ESF Plus) gefördert.


 

Quellen:

Textilien = sozial risikobehaftete Produktgruppe mit globalen Lieferketten https://www.umweltbundesamt.de/themen/bund-beschafft-textilien-kuenftig-nachhaltiger

Gesamtvolumen öffentlicher Aufträge Deutschland 2024: ~135 Mrd. Euro https://www.destatis.de/DE/Themen/Staat/Oeffentliche-Finanzen/Vergabestatistik/_inhalt.html

Stufenplan seit 15. März 2023 in Kraft, Ziel 50% bis Ende 2026 / Schrittweiser Aufbau 10%–30%–50% https://blog.cosinex.de/2023/11/23/bund-stufenplan-regelt-nachhaltige-beschaffung-von-textilien/

Leitfaden 3. Auflage, aktualisiert März 2025 https://www.nachhaltige-beschaffung.info/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/2025/250908_Textilleitfaden_Bundesregierung.html

Leitfaden als Orientierung für Länder & Kommunen / Gütezeichen GOTS, Fairtrade Cotton, Blauer Engel https://einkauf.fnr.de/infothek/aktuelles/aktuelle-nachricht/neuauflage-leitfaden-textilbeschaffung-breg

Originalziel 2020 nicht erreicht, auf 2026 verschoben / fehlendes Monitoring https://www.woek.de/fileadmin/user_upload/CIR_2024_Positionspapier_Textiler_Stufenplan_v04.pdf

UBA-Leitfäden zu Bekleidungstextilien & Bettwäsche (Blauer Engel) https://www.umweltbundesamt.de/themen/leitfaeden-fuer-die-beschaffung-umweltfreundlicher

100%-Ziel bis 2030 für Bundesbehörden https://skew.engagement-global.de/aktuelle-mitteilung/bundesregierung-veroeffentlicht-leitfaden-zur-nachhaltigen-textilbeschaffung


 

Kiara Winona Sweeney auf der 27. Beschaffungskonferenz

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