Beschaffung: Totaler Wettbewerb oder nachhaltige Lieferketten?
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Beschaffung: Totaler Wettbewerb oder nachhaltige Lieferketten?

Stephan Richtzenhain, Geschäftsführer der Simeonsbetriebe, wirft einen Blick auf die Welt nach der Corona-Krise

Auch wenn wir die Corona-Pandemie überwinden, werden wir mit Krisen konfrontiert sein, etwa mit den Auswirkungen des Klimawandels und der demografischen Entwicklung. Stephan Richtzenhain plädiert dafür, achtsamer mit unserer Umwelt und unseren Mitmenschen umzugehen, ökologisch nachhaltig und wertschätzend zu handeln. Für die Beschaffung ergeben sich ebenfalls neue Herausforderungen: So sind etwa belastbare Supply-Chains, Innovationsmanagement mit Partnern, ökologische Ausrichtung von Produkten und Prozessen, Regionalität und nachhaltige Logistik zentrale Themen.

Stephan Richtzenhain

Die Welt nach der Corona-Krise wird eine andere sein

Ich bin mir sicher, dass es uns gelingen wird, im laufenden Jahr das Corona-Virus zu besiegen. Dabei gilt übrigens: Je geschlossener wir es bekämpfen, desto schneller wird es verschwinden. Für die Überwindung der Krise benötigen wir ein hohes Maß an gesellschaftlicher Solidarität. Viele von uns sind völlig unverschuldet in eine existentielle wirtschaftliche Krisensituation geraten, viele stehen vor den Trümmern ihrer wirtschaftlichen Existenz.

Ganz sicher sollte uns die Pandemie auch mit einer gewissen Nachdenklichkeit und Demuth zurücklassen. Nicht alles was geht, ist auch sinnvoll. Letztendlich muss sich Vieles daran messen lassen, was unser Globus und seine Ökosysteme vertragen. Über diese Fakten müssen wir nachdenken und sinnvollere Lösungen finden, als das in der Vergangenheit der Fall war.

Auch wenn wir Corona überwinden, werden weitere Krisen unser Leben prägen

Neben der Corona-Krise sehen wir uns mit zwei elementaren Krisen konfrontiert: Die eine weltweite Klimakrise und die demographische Krise in Deutschland. Es gibt derzeit kaum eine Branche, die nicht elementar von Personalsorgen betroffen ist, ganz besonders auch das Gesundheitswesen und dabei im aktuellen Brennpunkt die Pflege.

Hinsichtlich der Klimakrise müssen schnelle Schritte erfolgen. Selbstverständlich auch im Gesundheitswesen, die mit Abstand größte Branche unserer Volkswirtschaft. Nachhaltigkeit muss hier zwingend zu einem zentralen Thema werden. Das betrifft auch das Management der Supply-Chains. Dabei wird das Thema Regionalität stärker an Bedeutung gewinnen. Es müssen globale Lieferketten hinsichtlich ihrer Sinnhaftigkeit überprüft werden und zwar hinsichtlich der ökologischen und sozialen Bedingungen unter denen produziert wird, aber auch hinsichtlich der erforderlichen Transportwege.

Ökologisches Handeln wird auch einen Einfluss haben auf unsere Qualität als Arbeitgeber. Die kommenden Generationen werden ihren künftigen Arbeitgeber sehr intensiv dahingehend bewerten, inwiefern er zur Bekämpfung der Klimakrise beiträgt. Nachhaltiges Handeln wird zur Bedingung sine qua non des erfolgreichen Arbeitgebers.

Dazu gesellt sich das Thema der wertschätzenden Mitarbeiterführung. Hier wird es darum gehen, dem kostbaren Gut des (knappen) Mitarbeiters einen entsprechenden Umgang geprägt von Wertschätzung zukommen zu lassen. Es hat sich herausgestellt, dass es wenig sinnvoll für ein Unternehmen ist gewaltige Beträge ins Arbeitgebermarketing zu investieren um dann an Cent Beträgen beispielsweise für eine angenehme Berufskleidung zu sparen.

Innovationen und Lieferketten: Zuverlässige Partner gefragt

Um seine Supply-Chains nachhaltig zu gestalten braucht man Partner – und zwar langfristige Partnerschaften. Der Fokus liegt dann nicht mehr so sehr auf dem niedrigsten Preis. Es gilt vielmehr, Synergien in der Wertschöpfungskette gemeinsam zu erschließen, ökonomische und ökologische. Innovationen sind gefragt – und auch die schafft man nicht mehr ganz für sich allein, sondern in einem kontinuierlichen interaktiven Kooperations- und Innovationsprozess gemeinsam mit seinen Partnern.

Während der Corona-Krise waren Partner gefragt, die bei Lieferengpässen bereit waren einzuspringen. In unserem Fall betraf das den Ersatz von nicht mehr verfügbaren Einwegprodukten durch innovative Mehrweglösungen. Für die Überwindung der Klimakrise sind Partner gefragt, die nachhaltige Innovationen für die eigenen Prozesse konzipieren.

Der mit der demografischen Krise einhergehende Fachkräftemangel ist eine Herausforderung, beispielsweise für die effizientere Gestaltung logistischer Prozessketten. Hier gilt es unter anderem, redundante logistische Ströme auf mögliche Synergien zu untersuchen. Auch im Gesundheitswesen gibt es hier noch viel zu tun.

Nachhaltigkeit statt Nachlässigkeit

Nachhaltigkeit bedeutet nicht, dass Kosten jetzt keine Rolle mehr spielen. Nachhaltigkeit fängt zunächst mit Nachdenken an, also mit dem In-Frage-stellen aller Produkte und Prozesse in einer Wertschöpfungskette hinsichtlich ihrer Sinnhaftigkeit und ihrer sinnvolleren Alternativen. Wunderbares Beispiel sind hier Produktverpackungen: Sind sie notwendig? Aus welchen Materialien bestehen sie? Sind sie recyclebar? Und wodurch könnte man sie ersetzen? Nachhaltigkeit bedeutet auch, dass man Produkte über das Ende des Lebenszyklus weiterdenkt, in Richtung Verwertbarkeit und Wiederverwendbarkeit. Kreislaufwirtschaft wird damit ein selbstverständliches und ganz zentrales Thema der Zukunft. Es verlangt jedoch, dass man sich umfassend von vielen Gewohnheiten der aktuellen Wegwerfkultur trennen muss.

Textilien langfristig nutzen

In der Mode hat sich beispielsweise eine Kultur der Einmal- oder maximal kurzfristigen Nutzung herausgebildet. Rücksendungen von Textilien, die über Online-Anbieter geordert wurden, werden geschreddert. Ganze Modelinien wechseln mehrfach in der Saison. Macht man sich aber die ökologischen Bedingungen bewusst, die Textilproduktion mit sich bringt, wird eigentlich jedem bewusst, dass es durchaus Sinn macht, Kleidung wieder als langfristig zu nutzendes Gut zu betrachten. Ein T-Shirt brauch 9 m² Anbaufläche für die Baumwollproduktion. In einer vernünftigen Qualität kann man es ohne weitere 200 Mal waschen.

Regionalität und Globalisierung

Die Globalisierung ist ein ganz wichtiger Faktor der weltweiten wirtschaftlichen Entwicklung. Sie beinhaltet enorme Chancen für die Entwicklung gerade der ärmsten Länder der Erde. Aus den Erfahrungen der Corona-Krise lassen sich allerdings gewisse Schlussfolgerungen ziehen, die vielleicht den Umgang mit dieser Thematik in der Zukunft prägen werden:

  • Totale Globalisierung systemrelevanter Supply-Chains machen das jeweilige System extrem anfällig. Es geht hier nicht unbedingt darum, diese vollständig durch regionale Strukturen zu ersetzen. Es dürfen aber regionale Strukturen nicht vollständig eliminiert werden. Sonst gibt es gar kein Backup, zum Beispiel bei Störungen der internationalen Transportwege.
  • Globalisierung darf nicht unter dem Aspekt eines Wettbewerbs um die jeweils niedrigsten sozialen und ökologischen Standards stattfinden. Internationale Arbeitsteilung ist sinnvoll und wichtig. Ohne diese wären wir gar nicht in der Lage, unseren Lebensstandard auch nur annähernd aufrecht zu erhalten. Es müssen aber dringend soziale und ökologische Standards eingefordert werden, die unseren internationalen Supply-Chains zugrunde gelegt werden müssen. Und um diese auch verlässlich gestalten zu können müssen langfristige Beziehungen und Vertrauen aufgebaut werden. Ansonsten unterliegt man schnell einem um sich greifenden Etikettenschwindel. In unserer Branche bedeutet das beispielsweise, dass wesentlich mehr Bio-Baumwolle verkauft als hergestellt wird!
  • Kostenvorteile internationaler Beschaffung dürfen nicht bis auf den letzten Cent ausgereizt werden. Oft liegen die Mehrkosten einer ökologisch und sozial einwandfreien Produktion nur bei wenigen Prozentpunkten, insbesondere im Hinblick auf den Preis am heimischen Markt. Wir können es uns durchaus leisten, hier vernünftige Standards durchzusetzen.
  • Das Anlegen von Reserven für den Krisenfall ist bei globalisierter Beschaffung unabdingbar. Dieses wird seitens der Bundesregierung für das Gesundheitswesen massiv vorangetrieben. Außer Acht gelassen wird dabei allerdings, dass Einwegsysteme wesentlich anfälliger sind als Mehrwegsysteme. Für unsere Branche gilt: Unsere Pandemiereserven sind bei uns in unseren Umlaufbeständen bereits vorhanden. Beispiel Infektionsschutzkittel: für 200.000 Anwendungen von Infektionsschutzkitteln muss ich 200.000 Einwegmäntel vorhalten. Im Mehrwegsystem brauche ich nur 2.000 Mäntel, die ich 100 Mal aufbereiten kann.

Wertschätzende Unternehmensführung

Sicherlich leben wir in einer Wettbewerbsgesellschaft. Wettbewerb ist notwendig und ein wesentlicher Erfolgsfaktor unser sozialen Marktwirtschaft. Wettbewerb darf aber als bestimmender Faktor einer Gesellschaft nicht die völlige Oberhand gewinnen. Auch einer Marktwirtschaft müssen Werte zugrunde liegen. Als Gegenspieler des reinen Wettbewerbs müsse soziale Aspekte aufrecht gehalten und gefördert werden: Menschlichkeit, Gemeinsamkeit, Solidarität, Moral und Verlässlichkeit. Schon vor der Pandemie hatten diese Werte Einzug gehalten in Unternehmens- und Führungsleitlinien. Stärkere Bedeutung erlangten sie mit den immer schwierigeren Situationen hinsichtlich der Personalbeschaffung in fast allen bekannten Branchen. Eine den Mitarbeiter tatsächlich wertschätzende Unternehmenskultur  macht Unternehmen wettbewerbsfähiger auf dem Arbeitsmarkt und natürlich auch im täglichen Alltag: Krankheitsquoten sinken ebenso wie Fluktuation und senken damit Personalkosten und steigern die Produktivität.

Die Corona-Krise hat diese Entwicklung nochmals erheblich bestärkt. Als Arbeitgeber musste man schließlich alles dafür tun, seine Mitarbeiter so weit wie möglich gesund zu erhalten. Achtsamkeit ist hier vielleicht das richtige Stichwort. Um Krisen zu bewältigen muss man zusammenstehen. Dieses gilt auch für die innerbetriebliche  Situation. Bei uns war es beispielsweise ganz selbstverständlich, dass Außendienstmitarbeiter mit in die Produktion gegangen sind, als es galt, Corona-bedingte Ausfälle zu kompensieren. Unsere allgemeinen Krankenstände sind in der Pandemie sogar gesunken. Auch in diesem Bereich hat die Pandemie etwas geändert, von dem wir hoffen, es in die Zeit danach mitnehmen zu können.

Abschließend zu diesem Punkt sei noch gesagt, dass nur ein guter Arbeitgeber ein zuverlässiger Lieferant sein kann. Für die Beschaffungsseite bedeutet diese einerseits, dass diese Qualität in die Bewertung eines Lieferanten Einzug finden muss. Andererseits muss man dem Lieferanten auch die Chance dazu geben, ein guter Arbeitgeber zu sein oder zu werden. Supply-Chains, die man zu lange ausbluten lässt, werden immer dünner – und manchmal brechen sie dann.

Fazit

Ein alter Geschäftsfreund, Oberst der Reserve in der Schweizer Armee, hat mir einmal folgende Erkenntnis mit auf den Weg gegeben: „Jeder Angriff auf dich ist auch eine Chance“. Die Corona-Pandemie ist ein massiver Angriff auf unsere Zivilisation. Sie bietet uns aber auch Chancen, wenn wir sie als „Schuss vor den Bug begreifen“. Es geht nicht mehr so weiter wie bisher! Wir müssen achtsamer umgehen, mit unserem Globus, unserer Umwelt, unserer Gesundheit, unseren Mitmenschen. Wir können alle großen Krisen unserer Zeit meistern, aber nur unter dieser Bedingung.

Für die Beschaffung ergeben sich somit ebenfalls neue Herausforderungen unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit. Belastbare Supply-Chains, Innovationsmanagement mit Partnern, ökologische Ausrichtung von Produkten und Prozessen, Regionalität und nachhaltige Logistik sind zentrale Themen.

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