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Was Corona Beschaffer und Logistiker im Gesundheitswesen lehrt

Univ.-Prof. Dr. Dr. Wilfried von Eiff zu den Ergebnissen des Beschaffungskongresses der Krankenhäuser 2020

Beschaffung und Logistik in der Gesundheitsversorgung in Zeiten von Corona war das Leitthema beim digitalen Beschaffungskongress der Krankenhäuser BKK-digital 2020. Worüber die Fachleute diskutierten und welche Erkenntnisse der Kongress brachte.

Wilfried von Eiff

Die Corona-Krise hat nicht nur Lieferengpässe bei PSA-Produkten beschert, sondern auch in erschreckender Deutlichkeit gravierende Strategie-, Digitalisierungs- und Organisationslücken im Versorgungsmanagement von Arzneimitteln sowie Medizinprodukten offenbart. Vor diesem Hintergrund war es Ziel des diesjährigen Beschaffungskongresses der Krankenhäuser:

  • Erfahrungen aus der durch die Corona-Pandemie ausgelösten Versorgungskrise auszutauschen,
  • Erkenntnisse und Lehren aus diesen Erfahrungen zu ziehen sowie
  • Empfehlungen für konkrete Maßnahmen abzuleiten, durch die in Zukunft Lieferengpässe vermieden werden und die Verteilungslogistik optimal funktioniert.

Stellenwert des Beschaffungsmanagements

Durch die Corona-Pandemie ist der Stellenwert des Beschaffungsmanagements im Gesundheitswesen, also von Einkäufern und Logistikern, im Bewusstsein von Politikern und Öffentlichkeit, aber auch krankenhaus-intern, merklich gestiegen. Es wurde deutlich, welche Bedeutung den Funktionen „Einkauf und Logistik“ im Hinblick auf die Sicherstellung von medizinischer Qualität, Patientensicherheit, Arbeitsbedingungen für Mitarbeiter und Wirtschaftlichkeit des Medizinbetriebs zukommt. Aktives Beschaffungsmanagement hat dazu beigetragen, Lieferengpässe bei systemkritischen Produkten zu überwinden bzw. durch kluge Bewirtschaftung knappe Produktkategorien zu schonen.

Effekte des Krankenhauszukunftsgesetzes aus Sicht des Beschaffungsmanagements

Einerseits wird von den Beschaffungsmanagern erwartet, ihre Expertise als Einkaufs-Profis einzubringen, wenn es darum geht, strategisch relevante Förderbereiche zu identifizieren, Konzepte zu entwickeln, die den digitalen Reifegrad steigern sowie das KHZG-Beantragungsverfahren zu systematisieren und zu steuern. Andererseits sieht das KHZG keinen Förderschwerpunkt vor, der explizit zum Ziel hat, die digitale Kompetenz von Einkauf und Logistik zu steigern. Hier ist Nachbesserung auf politischer Ebene gefordert.

Digitalisierungslücke schwächt Organisation

Gleichwohl hat sich gezeigt, dass der niedrige Digitalisierungsgrad im Beschaffungsmanagement deutscher Krankenhäuser als Hypothek einem konsequenten Engpass-Management entgegenstand. Insbesondere fehlten Plattformkonzepte für den lokalen, regionalen und nationalen Abgleich von Bedarf und Verfügbarkeit systemkritischer Produkte. Ebenso war die Steuerungsorganisation für die Verteilung von PSA-Produkten zum Teil chaotisch. Gerade die Einkaufsgemeinschaften sind gefordert, als treibende Kraft zur Überwindung der Digitalisierungslücke zu wirken. Das betrifft Plattformkonzepte, Stammdaten-Management sowie Register für Medizinprodukte, insbesondere Implantate.

An dem ersten rein digitalen Beschaffungskongress der Krankenhäuser der Wegweiser Media & Conferences GmbH am 02. und 03. Dezember 2020 nahmen mehr als 300 anmeldete Fachleute teil und diskutierten in über 10 Online-Sessions und Workshops die Auswirkungen der Pandemie auf Logistik, Einkauf und Vergabe. Der nächste Beschaffungskongress der Krankenhäuser findet statt  am 01. und 02. Dezember 2021. mehr...

Globale Lieferketten oder heimische Produktion?

Durch die Corona-Krise ist einerseits die Komplexität internationaler Produktions- und Logistikketten erkennbar geworden. Andererseits hat sich gezeigt, wie anfällig globale Lieferketten sind, wenn sie nach dem Geschäftsprinzip „Economies of Scale“ strukturiert sind und die Auswahl von Lieferanten und Produktionsstandorten ausschließlich nach dem Kriterium der niedrigsten Kosten erfolgt. Zumindest für systemkritische Produkte sollte eine (teilweise) Rückverlagerung der Produktion nach Europa erfolgen, beispielsweise in Form des Aufbaues einer Ersatzproduktion, die im Krisenfall aktiviert werden kann. Dazu bedarf es staatlicher Anreizsysteme für innovative nationale Hersteller im Hinblick auf Investitionshilfen, Abnahmegarantien und Preise.

Gewinner und Verlierer

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis der Corona-Krise für die zukünftige strategische Neuausrichtung des Beschaffungsmanagements war, dass die „Kostendrücker“ unter den Einkäufern zuerst von Lieferabrissen betroffen waren und Bestandskunden bevorzugt beliefert wurden. Lieferbeziehungen sind wirtschaftlich erfolgreich und im Krisenfall belastbar, wenn sie auf Vertrauen, Fairness, Verlässlichkeit und Verbindlichkeit gründen. Strategische Partnerschaften werden daher (hoffentlich) die Beschaffungsbeziehungen in Zukunft prägen.

Empfehlungen

Beschaffungsmanager sind gefordert, den digitalen Reifegrad ihres Verantwortungsbereichs zu bestimmen, Effizienzlücken in den Einkaufs- und Logistikprozessen sowie in den klinischen Abläufen zu identifizieren und neue Organisationskonzepte zu entwickeln. Neben dem Verständnis für klinische Abläufe wird der Beschaffungsmanager der Zukunft seine digitale Prozess- und Technologie-Kompetenz professionalisieren müssen.