Interview Dr. Maren Freyher
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Hybride Bedrohungen und der Wandel der Polizeiarbeit

Dr. Maren Freyher, Landespolizeidirektorin der Landespolizei Schleswig-Holstein, im Interview

Die Landespolizei Schleswig-Holstein treibt die Digitalisierung ihrer Arbeitsprozesse seit Jahren voran und passt IT-, Einsatz- und Sicherheitsstrukturen fortlaufend an die gestiegenen Anforderungen durch hybride Bedrohungen und Cyberangriffe an. Wie verändert sich die Polizeiarbeit angesichts dieser Entwicklungen? Darüber haben wir mit Dr. Maren Freyher, Landespolizeidirektorin der Landespolizei Schleswig-Holstein, im Vorfeld des 8. Berliner Kongresses Wehrhafte Demokratie, gesprochen.

VdZ: Wenn Sie auf die nächsten fünf bis zehn Jahre blicken: Welche Entwicklungen werden die Polizeiarbeit am stärksten verändern? 

Dr. Freyher: In den kommenden fünf bis zehn Jahren werden mehrere Entwicklungen die Polizeiarbeit maßgeblich prägen. Die fortschreitende Digitalisierung wird neue Kriminalitätsphänomene mit sich bringen und Arbeitsprozesse grundlegend verändern – von der Datenauswertung bis hin zur Einsatzsteuerung. Künstliche Intelligenz kann dabei unterstützen, Muster zu erkennen und Entscheidungen vorzubereiten, ersetzt jedoch nicht die menschliche Bewer­tung.

Gleichzeitig werden die Bedrohungslagen komplexer: Cyberkriminalität, hybride Angriffe und international vernetzte Täterstrukturen nehmen weiter zu. Auch gesellschaftliche Ver­än­derungen, etwa eine zunehmende Polarisierung und Desta­bili­sierung des demokra­tischen Staatsverständnisses, können neue Herausforderungen für die innere Sicherheit – mit sich bringen. Der Staat wird zunehmend mehr gefordert sein, sich selbst zu schützen und demzufolge obligatorisch angehalten sein, auch strukturelle Anpas­sungsbedarfe zu prüfen und vorzunehmen.

Zudem werden geopolitische Krisen, nationale und internationale wirtschaftliche Re­zes­sionen und politische Veränderungen neue gesellschaftliche Konsequenzen generieren und die Polizeiarbeit mittelbar und unmittelbar beeinflussen und prägen.

Die Polizei muss daher flexibel, vernetzt und technologisch optimiert werden. Gleichwohl werden nicht alle Veränderungen der kommenden zehn Jahre jetzt schon absehbar sein. Es bleibt aber entscheidend, Innovation mit rechtsstaatlichen Prinzipien in Einklang zu brin­gen und das Vertrauen der Menschen, dass wir unser grundsätzliches Sicherheitsver­sprechen weiter­hin erfüllen, zu erhalten.

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Die fortschreitende Digitalisierung wird neue Kriminalitätsphänomene mit sich bringen und Arbeitsprozesse grundlegend verändern – von der Datenauswertung bis hin zur Einsatzsteuerung.

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Dr. Maren Freyher ist seit Juli 2024 Landespolizeidirektorin der Landespolizei Schleswig-Holstein. In dieser Funktion trägt sie die Gesamtverantwortung für die Landespolizei Schleswig-Holstein sowie die konzeptionelle einsatzbezogene Führungsverantwortung. Zudem ist sie Gesamtverantwortliche der Landespolizei Schleswig-Holstein für die Übung „Gemeinsame Terrorismusabwehr-Exercise“ (GETEX) 2026.

VdZ: Welche neuen Bedrohungslagen müssen Übungen wie GETEX (Gemeinsame Terrorismusabwehr-Exercise) heute realistisch abbilden, um mit der tatsächlichen Gefährdungslage Schritt zu halten?

Dr. Freyher: Übungen wie GETEX müssen heute ein deutlich breiteres Bedrohungsspektrum abbilden als noch vor einigen Jahren. Neben klassischen Szenarien wie terroristischen Anschlägen rücken hybride Bedrohungen stärker in den Fokus. Dazu gehören koordinierte Cyber­an­griffe auf kritische Infrastrukturen, Desinformationskampagnen oder die gezielte Destabili­sierung gesellschaftlicher Prozesse. Auch sogenannte „Multi-Lagen“, bei denen mehrere Ereignisse parallel auftreten – etwa ein Anschlag kombiniert mit Cyberstörungen – sind rea­lis­tisch geworden.

Darüber hinaus müssen Einsatzlagen stärker international gedacht werden, da Täterstrukturen oft grenzüberschreitend agieren. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Einbindung nichtpolizeilicher / nichtstaatlicher Akteure, etwa Betreiber kritischer Infra­strukturen.

Des Weiteren sind vor dem Hintergrund der aktuellen Sicherheitslage und der (fragilen) Wechselwirkungen zwischen der äußeren und inneren Sicherheit Übungen zu den The­menkomplexen Zivil-Militärische Zusam­men­arbeit (ZMZ) und Zivile Verteidigung (ZV) mit einer ganzheitlichen Perspektive und im Sinne einer Verbundstrategie diverser nationaler und ggf. auch internationaler Sicher­heitsakteure unabdingbar.

VdZ: Sicherheitsarbeit in Deutschland ist stark föderal geprägt. Wo stoßen Zusammen­arbeit und Abstimmung zwischen Landes- und Bundes­be­hörden in der Praxis an ihre Grenzen?

Dr. Freyher: Die föderale Struktur ist eine Stärke sowohl unseres politischen Systems also auch un­serer Sicherheitsarchitektur, weil sie regionale Nähe und Spezialisierung ermöglicht. In der Praxis zeigen sich jedoch Grenzen vor allem bei der Geschwindigkeit und Einheitlich­keit von Abstimmungen. Unterschiedliche Rechtsgrundlagen, Zuständigkeiten, IT-Systeme kön­nen die Zusammenarbeit erschweren.

Gerade in komplexen, länderübergreifenden Ein­satzlagen ist eine schnelle, gemeinsame Lagebewertung entscheidend. Auch bei der Datenverfügbarkeit und -nutzung gibt es Herausforderungen, etwa durch unterschiedliche Standards oder recht­liche Hürden beim Datenaustausch.

Ein weiterer Punkt ist die Prio­ritä­tensetzung: Bund und Länder verfolgen teilweise unterschiedliche strategische Schwer­punkte. Dennoch wird kontinuierlich daran gearbeitet, diese Schnittstellen zu ver­bessern – etwa durch gemeinsame Zentren wie das Maritime Sicher­heits­zentrum in Cuxhaven, standardisierte Verfahren, gemeinsame Übungen, wie z. B. GETEX, oder P 20, das Bund-Länder-Programm zur Harmonisierung Polizeilicher IT.

Ziel muss es sein, die Vorteile des Föderalismus zu erhalten und gleichzeitig operative Reibungsverluste zu minimieren.

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Ziel muss es sein, die Vorteile des Föderalismus zu erhalten und gleichzeitig operative Reibungsverluste zu minimieren.

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VdZ: Wo sehen Sie aktuell den größten Bedarf für die Weiterentwicklung der Digita­lisierung in der Polizeiarbeit?

Dr. Freyher: Die rasanten Entwicklungen der KI-Technologie und des Quantencomputings sowohl im externen Bereich in Bezug auf die Kriminalitätsphänomene als auch im internen Bereich hinsichtlich der Handlungs­fähigkeit der Polizei für die Aufgabenbereiche Prävention, Ge­fahren­abwehr, Strafver­folgung bedingen einen hohen professionellen Grad einer digitalen Aus­stat­tung und Infrastruktur sowie eine obligatorische Kompetenzentwicklung innerhalb der Polizei. Zudem gehen damit sehr dynamische technische und organisatorische Anpas­sungs­prozesse der Polizeiarbeit einher.

Ein großer Bedarf in der Digitalisierung der Polizeiarbeit liegt derzeit ferner in der konse­quenten Vernetzung und Nutzbarmachung vorhandener Daten. Es geht weniger um ein­zelne neue Systeme, sondern um deren Integration und Interoperabilität. Einsatzkräfte und Ermittler benötigen schnellen, sicheren Zugriff auf relevante Informationen – möglichst in Echtzeit und mobil. Dazu gehört auch die Verbesserung von Lagebildern durch moderne Analyse­werkzeuge und selbstverständlich die Nutzung von KI-Tools.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Entlastung der Mitarbeitenden durch Automatisierung administrativer Prozesse, damit mehr Zeit für die eigentliche kriminalistische Polizeiarbeit bleibt. Die Kunst liegt hierbei darin, Komplexitätsreduktion zu erreichen, ohne die menschliche Autonomie aus­zuhöhlen. In jedem Fall müssen IT-Systeme robust und ausfallsicher sein, insbe­son­dere mit Blick auf Cyberbedrohungen; d. h. es gilt eine technische Souveränität in ver­schie­denen Segmenten zu implementieren und zu evolvieren.

Auch die digitale Kommu­nikation – intern wie mit anderen Behörden – bietet Entwicklungs­potenzial. Wichtig ist zugleich, die Mitarbeitenden mitzunehmen: Digitalisierung gelingt nur, wenn sie praxisnah gestaltet und entsprechend geschult wird, damit das theoretisch in den Systemen vorhan­dene Potenzial auch entsprechend optimale Anwendung findet.

Datenschutz und Rechtsstaatlichkeit bleiben dabei zentrale Leitplanken, die jede techno­logische Entwick­lung begleiten müssen, damit das Vertrauen in die staatlichen Institutio­nen im Sinne einer Zuschreibung von Kompetenzen und vor allem Reaktionsfähigkeit bei­be­halten wird.

Verwaltung der Zukunft: Sie tragen die Gesamtverantwortung für die Landespolizei Schleswig-Holstein. Was bedeutet gute Führung für Sie in einer Organisation, die in hochdynamischen Einsatzlagen funktionieren muss? 

Dr. Maren FreyherGute Führung bedeutet für mich Klarheit, Verlässlichkeit und Entscheidungsstärke unter Zeit­druck. In dynamischen Lagen müssen Führungskräfte priorisieren, Verantwortung über­nehmen und gleichzeitig die Lageentwicklung antizipieren. Zentral ist eine klare Kom­munikation – nach innen wie nach außen. Einsatzkräfte müssen wissen, woran sie sich orien­tieren können. Hierfür bilden u. a. Aufträge, Konzepte und Übungen mit struk­turierter Nachbereitung eine gute Grundlage.

Zudem ist das Thema Vertrauen ein zentrales Fundament: Führung funktioniert nur, wenn Entscheidungen delegiert werden und die Kompetenzen der Mitarbeitenden anerkannt sind. Gleichzeitig gehört zur guten Führung die Fähigkeit, flexibel auf Lageänderungen zu reagieren und elementar ist für mich eine gut ausgewogene Reflexionsfähigkeit, d. h. auch eigene Entschei­dun­gen konstruktiv zu hinterfragen.

Letztlich bedeutet gute Führung auch Fürsorge: Die physische und psychische Belastung der Einsatzkräfte darf nie aus dem Blick geraten.


 

Dr. Maren Freyher auf dem 8. Berliner Kongress Wehrhafte Demokratie

Lightning Talk II.IV

🎤 Spionage, Sabotage, Terrorismus: Gemeinsame Übung GETEX zur Gewährleistung der nationalen Sicherheit 

🗓️ 30. Juni 2026, 13:30-14:15 Uhr


Der 8. Berliner Kongress Wehrhafte Demokratie - Gesellschaftlicher Dialog für Innere Sicherheit, Verteidigungsfähigkeit und Zusammenhalt findet vom 29. bis 30. Juni 2026 im Kongresscenter im Hotel de Rome in Berlin statt.