Der TransformationsHub: Wie Verwaltungspraxis Modernisierung wirksam macht
Interview mit Dr. Sebastian Gradinger zum Motor der Staatsmodernisierung
Verwaltung der Zukunft: Wie ist der TransformationsHub entstanden und was macht ihn besonders?
Dr. Sebastian Gradinger: Der TransformationsHub ist aus konkreten Erfahrungen der Verwaltungspraxis entstanden. In vielen bestehenden Verwaltungsnetzwerken bringen Kolleginnen und Kollegen weit über ihre formale Rolle hinaus Wissen, Erfahrung und Energie ein. Häufig sind diese Netzwerke der Ort, an dem Neues erprobt wird, das im Verwaltungsalltag sonst nur schwer möglich ist.
Gleichzeitig waren viele dieser Netzwerke bislang informell organisiert. Sie verfügten über kein klares Mandat, hatten geringe Sichtbarkeit und waren stark vom Engagement Einzelner abhängig. Motivation und Bereitschaft zur Veränderung waren vorhanden, hatten jedoch keinen festen institutionellen Rahmen.
Genau hier setzt der TransformationsHub an. Er ist nicht als neues Netzwerk konzipiert, sondern als verbindlicher Rahmen für bestehende Strukturen. Ziel ist es, vorhandenen Netzwerken ein klares Mandat zu geben und Engagement sichtbar, anschlussfähig und wirksam zu machen. Mit der Verankerung des TransformationsHub in der Modernisierungsagenda Bund verfügt er über ein offizielles Mandat der Bundesregierung. Dieses Mandat überträgt sich bewusst auch auf die im Hub gebündelten Netzwerke.
Der TransformationsHub versteht sich daher als Zusammenschluss bestehender Verwaltungsnetzwerke. Aktuell sind fünf Netzwerke beteiligt, darunter Agile Coaches, PersDiV, Transformationspaten, digitaljourney und das Peer-to-Peer Netzwerk. Insgesamt engagieren sich hier rund 1.000 Bundesbeschäftigte, die bewusst als Modernisierungsakteure eingebunden sind.
VdZ: Welche Ziele verfolgt der TransformationsHub innerhalb der Modernisierungsagenda des Bundes und wo sehen Sie bei der Umsetzung bisher die größten Herausforderungen?
Dr. Gradinger: Das zentrale Ziel ist klar: Wir wollen bottom-up in die Umsetzung der Modernisierungsagenda kommen und die Staatsmodernisierung als gemeinschaftliche Aufgabe aller Ressorts vorantreiben. Der TransformationsHub soll dafür sorgen, dass Erfahrungen und konkrete Themen aus der Verwaltungspraxis nicht verloren gehen, sondern in der Modernisierungsagenda in die praktische Anwendung kommen.
Die größte Herausforderung ist dabei weniger die Bereitschaft zur Veränderung. Die ist da. Schwieriger ist es, unterschiedliche Ressorts, Zuständigkeiten und Arbeitsweisen unter dem Dach der Modernisierungsagenda zusammenzubringen und die Identifikation mit der Agenda zu steigern, ohne alles noch komplizierter und unübersichtlicher zu machen.
Zentral ist dabei, die relevanten Stakeholder zusammenzubringen und den Austausch auf Arbeitsebene so zu organisieren, dass er wirksam in die Umsetzung führt. Genau hier setzt der TransformationsHub an. Er hilft, verwaltungspraktische Fragestellungen und die beteiligten Akteure zusammenzuführen, einzuordnen und mit konstruktiven wie machbaren Handlungsempfehlungen in die Transformation zu überführen – pragmatisch und ohne zusätzliche Bürokratie.
VdZ: Welche Ebenen der Verwaltung sind vertreten?
Dr. Gradinger: Ganz bewusst alle Ebenen. Vom Sachbearbeitenden über Projektverantwortliche und Führungskräfte bis hin zur Behördenleitung. Modernisierung funktioniert nur, wenn unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen. Viele Probleme lassen sich erst dann wirklich verstehen, wenn man sie aus mehreren Blickwinkeln betrachtet. Genau dafür ist der TransformationsHub da.
VdZ: Wie werden bestehende Verwaltungsnetzwerke verknüpft und inwiefern wirkt diese Vernetzung auch über das eigene Handlungsfeld hinaus auf andere Bereiche der Modernisierungsagenda?
Dr. Gradinger: Der TransformationsHub ersetzt keine bestehenden Netzwerke und greift nicht in deren Arbeit ein. Er bringt sie gezielt zusammen und verbindet sie mit den Handlungsfeldern der Modernisierungsagenda. Netzwerke wie Agile Coaches, PersDiV, Transformationspaten, digitaljourney oder das Peer-to-Peer-Netzwerk bringen ihre jeweilige Expertise, ihre Reichweite und ihre Praxiserfahrung ein.
Entscheidend ist dabei der Fokus auf konkrete Fragestellungen der Agenda. Erkenntnisse aus einem Netzwerk bleiben nicht isoliert, sondern werden dort eingebracht, wo sie Wirkung entfalten können. So entstehen Verbindungen über einzelne Themen hinaus. Fragen der Personalgewinnung, Führung oder Kompetenzentwicklung wirken unmittelbar auf Digitalisierung, Verwaltungskultur oder Organisation. Der TransformationsHub macht diese Zusammenhänge sichtbar und sorgt dafür, dass Erfahrungen aus der Praxis ressortübergreifend nutzbar werden.
VdZ: Die TransformationsWerkstätten sind das zentrale Arbeitsformat des TransformationsHub. Welche Erwartungen haben Sie an die Arbeit in diesen Werkstätten?
Dr. Gradinger: Die TransformationsWerkstätten sind als ressortübergreifende Arbeitsformate mit klarem Umsetzungsfokus angelegt. Ziel ist es nicht, Problemstellungen lediglich zu diskutieren, sondern gemeinsam an konkreten Fragestellungen zu arbeiten und diese in Handlungsempfehlungen für die Handlungsfelder zu übersetzen. Die Themen kommen aus der Verwaltungspraxis und sind klar an der Modernisierungsagenda ausgerichtet.
Mein Anspruch ist einfach: Die Teilnehmenden sollen nach der Werkstatt klarer wissen, wo sie selbst in ihren Wirkungskreisen ansetzen können und was der nächste sinnvolle Schritt ist. Die Handlungsfeldleitenden und die Programmleitung der Modernisierungsagenda wiederum sollen nach der Werkstatt praxisrelevante Einblicke und Empfehlungen erhalten, die sie direkt in die strategische Weiterentwicklung ihrer Handlungsfelder und der Modernisierungsagenda insgesamt überführen können.
VdZ: Welche Überlegungen liegen dem Einsatz des Sounding Boards als Arbeitsmittel zugrunde?
Dr. Gradinger: Das Sounding Board ist kein zusätzliches Gremium, sondern ein strukturierter Arbeitsprozess des TransformationsHub. Es sorgt dafür, dass die Ergebnisse aus den TransformationsWerkstätten gebündelt, eingeordnet und in den Handlungsfeldern weiterverarbeitet werden.
So stellen wir sicher, dass gute Erkenntnisse nicht im Raum stehen bleiben, sondern in den Handlungsfeldern und auf Leitungsebene berücksichtigt werden. Das Sounding Board schafft damit Verbindlichkeit, ohne neue Strukturen aufzubauen.
VdZ: Die Werkstätten sollen für alle Handlungsfelder der Modernisierungsagenda genutzt werden. Wie ist hier die Koordination oder Steuerung zwischen den Handlungsfeldleitungen gestaltet?
Dr. Gradinger: Die inhaltliche Verantwortung liegt bei den jeweiligen Handlungsfeldleitungen. Sie bringen ihre Fragestellungen ein und nutzen die TransformationsWerkstätten gezielt für ihre Themen. Der TransformationsHub organisiert den Rahmen, koordiniert die Formate und stellt sicher, dass die Ergebnisse strukturiert zurückgespielt werden.
So bleibt klar, wer wofür verantwortlich ist, und gleichzeitig nutzen alle ein gemeinsames Instrument zur Umsetzung.
VdZ: Staatsmodernisierung ist ohne gezielte Kompetenzentwicklung nicht möglich. Wie funktioniert der Aufbau von Umsetzungskompetenzen?
Dr. Gradinger: Modernisierung scheitert selten am Wissen, sondern an der Umsetzung. Deshalb kombinieren wir die TransformationsWerkstätten mit gezielten Kompetenztrainings im Rahmen der Kompetenzoffensive der Modernisierungsagenda Bund. Ziel ist es, möglichst viele Modernisierungsakteure methodisch zu qualifizieren, die als Multiplikatoren in ihren Häusern wirken und Veränderung vor Ort voranbringen.
Die Werkstätten greifen konkrete Praxisfragen aus dem Arbeitsalltag auf, die Trainings vertiefen und verbreitern gezielt vorhandene Kompetenzen – unter anderem in den Bereichen Projektmanagement, Change- und Transformationsmanagement, zielorientiertes Arbeiten entlang klarer Prioritäten (OKR), praxisnaher Einsatz von Künstlicher Intelligenz sowie professionelle Steuerung externer Beratung. Die Kompetenzen sind in der Verwaltung vielfach bereits vorhanden, wir wollen sie systematisch stärken, verbreiten und schneller wirksam machen.
Beides greift bewusst ineinander. So entsteht nicht nur Erkenntnis, sondern mehr Geschwindigkeit in der Umsetzung und die Fähigkeit, Veränderungen nachhaltig in die Organisationen zu tragen.
VdZ: Der TransformationsHub wurde erst Ende 2025 gestartet. Können Sie dennoch bereits ein konkretes Praxisbeispiel nennen, das zeigt, wie er in der Verwaltung wirkt?
Dr. Gradinger: Ja, auch wenn der TransformationsHub erst Ende 2025 gestartet ist, zeigt sich bereits konkret, wie er wirkt.
Wirkung entsteht nicht erst durch abgeschlossene Projekte, sondern durch die strukturierte Bearbeitung relevanter Themen der Modernisierungsagenda.
Ein erstes Beispiel war die Werkstattarbeit im Rahmen des Kick-offs zum Aufbau des Zentrums für Legistik. Dort wurden bestehende Verwaltungsnetzwerke gezielt eingebunden, um zu klären, wie Verwaltungspraxis systematisch in Gesetzgebungsprozesse einfließen kann. Diskutiert wurde unter anderem der Bedarf an interdisziplinären Teams aus Recht, IT und Fachbereichen sowie die stärkere Einbindung von Praxisfeedback und Testphasen. So wurde sichtbar, wie der TransformationsHub konkrete Projekte unterstützt und strukturiert weiterentwickelt.
In der kommenden TransformationsWerkstatt im März bringen wir gezielt Themen ein, die in der Modernisierungsagenda verankert sind, etwa die Modernisierung des Dienstrechts, der Aufbau eines internen Arbeitsmarkts für die Bundesverwaltung oder die Weiterentwicklung der Arbeitgeberdachmarke im Sinne eines stärkeren Personalmarketings. Diese Themen werden nicht abstrakt diskutiert, sondern anhand konkreter Fragestellungen bearbeitet und in umsetzbare Handlungsempfehlungen überführt, die in die Handlungsfelder zurückgespielt werden.
So verbindet der TransformationsHub Praxis, Netzwerke und strategische Steuerung und trägt dazu bei, dass Modernisierung nicht nur geplant, sondern umgesetzt wird.
Dr. Sebastian Gradinger auf dem 12. Zukunftskongress Staat & Verwaltung
Zukunftsforum II.II.3
🎤 Gestaltung von Führung – zwischen Individualität und System
🗓️ 10. Juni 2026, 10:15-11:15 Uhr
Im Zukunftsforum erläutert Dr. Sebastian Gradinger, wie der TransformationsHub individuelle Kompetenzen mit systemischer Umsetzung verbindet und damit Führung in der Verwaltung wirksam gestaltet.