Geldwäsche
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„Follow the money“: Strategische Bekämpfung von Finanzkriminalität

Eva Maria Emnet (LKA Baden-Württemberg) über neue Formen von Geldwäsche

Finanzkriminalität ist ein zentraler Bestandteil organisierter Kriminalität, deren Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft jedoch zu häufig unterschätzt werden. Im Vorfeld des 8. Berliner Kongresses Wehrhafte Demokratie berichtet Eva Maria Emnet vom LKA Baden-Württemberg über aktuelle Entwicklungen krimineller Methoden und ihre Arbeit in der Taskforce Finanzkriminalität.
Eva Maria Emnet ist stellvertretende Leiterin und Koordinatorin der Taskforce Finanzkriminalität Baden-Württemberg (TafF BW) und Polizeibeamtin beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg.
Die Diplom-Finanzwirtin mit einem Masterabschluss in Kriminologie, Kriminalistik und Polizeiwissenschaft verfügt über langjährige Erfahrung bei der Bearbeitung komplexer Ermittlungsverfahren im Bereich der Wirtschaftskriminalität.
In ihrer derzeitigen Funktion befasst sie sich insbesondere mit der Bekämpfung von Finanzkriminalität und Geldwäsche sowie der Koordination entsprechender Maßnahmen im Zusammenwirken mit Polizei, Steuerfahndung, Justiz und weiteren Partnerbehörden.

Verwaltung der Zukunft: Deutschland gilt seit Jahrzehnten als besonders attraktiver Standort für organisierte Kriminalität. Welche Faktoren begünstigen diesen Zustand?

Eva Maria Emnet: Deutschland ist für organisierte Kriminalität kein Zufallsziel, sondern ein strukturell attraktiver Raum. Die Bundesrepublik ist eine der größten Volkswirtschaften in der Welt und liegt mit vielen offenen Grenzen im Herzen Europas. Eine leistungsfähige, international vernetzte Wirtschaft, intensiver internationaler Handel, ein großer und stabiler Finanzmarkt sowie hohe Kapitalmobilität bieten Kriminellen die Gelegenheit, illegale Gelder möglichst unauffällig in den legalen Wirtschaftskreislauf zu integrieren. 

Studien zeigen zudem, dass Deutschland nicht nur Transitland, sondern in erheblichem Maße auch Zielstaat für verdächtige Finanzströme ist. Gerade weil Stabilität, Rechtssicherheit und Reputation gezielt ausgenutzt werden. 

Gleichzeitig bestehen verschiedene strukturelle Herausforderungen. Zuständigkeiten sind historisch gewachsen und lange fragmentiert gewesen, Daten liegen in unterschiedlichen Systemen vor und der Informationsfluss ist nicht immer schnell genug. Das führt dazu, dass Verfahren komplex und zeitintensiv sind. Ein Umfeld, das international agierende Täter gezielt nutzen. 

Hinzu kommt ein grundlegendes Wahrnehmungsproblem. Finanzkriminalität wird häufig noch unterschätzt, obwohl sie erhebliche Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft haben. So zeigen Untersuchungen, dass Geldwäsche nicht nur abstrakte Schäden verursacht, sondern ganz konkret Märkte verzerrt, etwa durch steigende Immobilienpreise. 

Geldwäsche ist damit kein Randphänomen, sondern ein zentraler Bestandteil krimineller Geschäftsmodelle. Oder anders formuliert: Sie ist kein Begleitdelikt, sondern mit eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass organisierte Kriminalität dauerhaft funktioniert. 

VdZ: Die Taskforce Finanzkriminalität Baden-Württemberg hat im Sommer 2025 ihre Arbeit aufgenommen. Was waren die zentralen Auslöser für ihre Gründung und kam dieser Schritt aus Ihrer Sicht eher spät?

Emnet: Die Einrichtung der Taskforce Finanzkriminalität im Sommer 2025 ist eine konsequente Reaktion auf die Veränderung der Finanzkriminalität in den vergangenen Jahren. Sie ist digitaler, internationaler und deutlich dynamischer geworden. Klassische Strukturen stoßen hier zunehmend an ihre Grenzen. 

Gleichzeitig ist die Taskforce kein kurzfristiger Impuls, sondern Ergebnis einer strategischen Schwerpunktsetzung. Bereits im Koalitionsvertrag Baden-Württemberg 2021 wurde die Notwendigkeit betont, die Bekämpfung von Finanzkriminalität strukturell zu stärken, Behörden besser zu vernetzen und insbesondere Geldwäsche entschlossener zu verfolgen. 

Damit dies mit den richtigen Partnern, die mit den richtigen Werkzeugen ausgestattet sind, geschieht, waren umfangreiche und tiefgehend durchdachte Konzeptionen notwendig. Dies erfordert entsprechend Zeit. Entscheidend ist, dass wir jetzt die richtigen Strukturen geschaffen haben, um effektiv und zukunftsfähig zu handeln. Geschwindigkeit, Koordination und ein gemeinsames Lageverständnis, also eine abgestimmte Bewertung auf Basis geteilter Informationen, sind heute zentrale Erfolgsfaktoren in der Bekämpfung von Finanzkriminalität. Die Taskforce Finanzkriminalität ist ein wichtiger ressortübergreifender Impulsgeber, Motor und Garant für eine ganzheitliche Bekämpfungsstrategie in Baden-Württemberg.

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Die Einrichtung der Taskforce Finanzkriminalität im Sommer 2025 ist eine konsequente Reaktion auf die Veränderung der Finanzkriminalität in den vergangenen Jahren. Sie ist digitaler, internationaler und deutlich dynamischer geworden.

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VdZ: Was unterscheidet die Arbeit der Taskforce von klassischen Ermittlungsansätzen in der Finanzkriminalität? 

Emnet: Der zentrale Unterschied liegt im Ansatz. Wir arbeiten nicht mehr sequenziell und getrennt nach Zuständigkeiten, sondern integriert und parallel. 

Das bedeutet konkret eine enge Verzahnung von Polizei, Finanzbehörden und Justiz und ein frühzeitiger Blick auf finanzielle Zusammenhänge. Dabei geht es nicht nur darum Geldströme nachzuvollziehen, sondern vielmehr auch darum die dahinterstehenden Strukturen zu verstehen, zu erkennen und nachhaltig zu bekämpfen. Oder zugespitzt formuliert: „Follow the structure, not even the money“. Denn Finanzkriminalität ist heute arbeitsteilig organisiert, oft international verzweigt und nutzt komplexe Verschleierungsmechanismen. Nur wenn wir diese Strukturen ganzheitlich erfassen, können wir nachhaltig wirksam werden. Unser Ziel ist es, diese Netzwerke sichtbar zu machen und zu zerschlagen. 

VdZ: Welche neuen Wege der Geldwäsche beobachten Sie aktuell – insbesondere im Bereich Kryptowährungen oder informeller Systeme wie Hawala – und wie könnte sich Finanzkriminalität künftig entwickeln? 

Emnet: Wir beobachten eine massive Professionalisierung und Diversifizierung mit klarer transnationaler Ausrichtung.  

Im digitalen Bereich spielen Kryptowährungen eine wachsende Rolle, etwa durch Mixing-Dienste, Cross-Chain-Transfers und dezentrale Plattformen, die Geschwindigkeiten erhöhen und Nachverfolgbarkeit erschweren. Money Laundering as a service entwickelt sich zunehmend zum prosperierenden Geschäftsmodell der Undergroundökonomie. 

Parallel dazu bleiben tradierte, informelle Systeme wie Hawala relevant, insbesondere in internationalen Kontexten. 

Die Zukunft der Finanzkriminalität ist hybrid. Täter kombinieren klassische Methoden mit digitalen Instrumenten. Dabei verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen legalen und illegalen Finanzströmen, was die Aufklärung zusätzlich erschwert. Genau darauf müssen auch unsere Bekämpfungsansätze ausgerichtet sein. 

VdZ: Ihre Taskforce arbeitet nach dem Prinzip „Follow the money“. Was bedeutet das in der Praxis? 

Emnet: „Follow the money“ bedeutet, dass wir Geldströme systematisch analysieren und deliktsunabhängig als Ausgangspunkt von Ermittlungen nutzen. 

In der Praxis heißt das: Verdächtige Transaktionen frühzeitig erkennen, relevante Informationen aus verschiedenen Quellen zusammenführen und illegale Gewinne konsequent abschöpfen. 

Gleichzeitig ist klar, dass Geldflüsse ein Teil komplexer Strukturen sind. Deshalb ist „Follow the money“ für uns nur der Einstieg. Das Ziel ist, die Netzwerke dahinter zu erkennen und zu zerschlagen. Finanzermittlungen sind damit kein Begleitinstrument mehr, sondern ein zentraler Hebel moderner Kriminalitätsbekämpfung und elementarer Bestandteil von allen strafprozessualen und präventivpolizeilichen Ermittlungshandlungen. 

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„Follow the money“ bedeutet, dass wir Geldströme systematisch analysieren und deliktsunabhängig als Ausgangspunkt von Ermittlungen nutzen. 

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VdZ: Wenn Sie eine zusätzliche Maßnahme zur Bekämpfung von Finanzkriminalität einführen könnten, unabhängig von bestehenden rechtlichen und organisatorischer Grenzen: Welche wäre das? 

Emnet: Wenn ich eine Maßnahme frei wählen könnte, dann wäre es ein vollständig integriertes, rechtssicheres, interoperables Echtzeit-Datenökosystem für die Bekämpfung von Finanzkriminalität, das es ermöglicht, Daten zwischen verschiedenen Anwendungen, Organisationen oder technischen Plattformen auszutauschen und gemeinsam zu nutzen, ohne dass dabei Zeit- oder Informationsdefizite entstehen.  

Das würde einen schnellen Zugriff auf relevante Daten, eine echte behördenübergreifende Vernetzung und eine leistungsfähige Analyse ermöglichen. 

Denn der entscheidende Faktor im Kampf gegen Finanzkriminalität ist Zeit. Je schneller wir Informationen zusammenführen, umso wirksamer können wir kriminelle Strukturen erkennen und bekämpfen. Ziel muss es sein, Reaktionszeiten deutlich zu verkürzen und Informationsbrüche konsequent zu vermeiden.


 

Eva Maria Emnet auf dem 8. Berliner Kongress Wehrhafte Demokratie

Pre-Event I

🎤 Vom Geldkoffer zur Krypto-Wallet – Hawala, Organisierte Kriminalität und neue Wege der Geldwäsche

🗓️ 29. Juni 2026, 11:00-12:15 Uhr


Der 8. Berliner Kongress Wehrhafte Demokratie - Gesellschaftlicher Dialog für Innere Sicherheit, Verteidigungsfähigkeit und Zusammenhalt findet vom 29. bis 30. Juni 2026 im Kongresscenter im Hotel de Rome in Berlin statt.