Public Leadership Award 2026 Zukunftskompetenzen
© Wegweiser Media & Conferences GmbH / Simone M. Neumann

Zukunftskompetenzen für die Verwaltung von morgen

Public Leadership Award 2026: Studiengang der Hochschule Darmstadt ausgezeichnet

Prof. Dr. Friederike Edel und Prof. Dr. Werner Stork lehren und forschen am Studiengang Public Management (B.Sc.) an der Hochschule Darmstadt. Mit der Neukonzeption des Studiengangs haben sie den Public Leadership Award 2026 in der Kategorie „Zukunftskompetenzen“ gewonnen. Im Gespräch erklären sie, warum Neugier kein Soft Skill ist, sondern der Kern einer zukunftsfähigen Verwaltungsausbildung.

Titelbild (v.l.n.r.):  Prof. Dr. Friederike Edel und Prof. Dr. Werner Stork (Preisträger*innen), Dr. Hanna Proner (Zeitverlag, Jurymitglied Public Leadership Award)

Verwaltung der ZukunftHerzlichen Glückwunsch zum Public Leadership Award 2026 in der Kategorie „Zukunftskompetenzen“! Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie und Ihr Team?

Prof. Dr. Friederike Edel und Prof. Dr. Werner Stork: Besonders bewegt hat uns die Formulierung in der Laudatio: Zukunft beginnt mit Neugier. Das trifft den Kern dessen, wofür wir seit Jahren arbeiten. Unser Programmotto lautet nicht zufällig Neugier verbindet und es ist schön, wenn eine Jury aus mehr als 100 Einreichungen genau das würdigt.

Die Auszeichnung gehört allen, die diesen Studiengang gemeinsam entwickelt haben: unseren Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Disziplinen, den kommunalen Partnerinnen und Partnern im KommunalHub, wissenschaftlichen Mitarbeitenden sowie den Studierenden selbst, die sich mutig auf ein manchmal herausforderndes Lernkonzept eingelassen haben.

Der Award bedeutet für uns aber noch mehr: Er ist ein Signal, dass Zukunftskompetenzen in der Verwaltungsausbildung anerkannt werden. Wir wünschen uns vor allem über diese Auszeichnung weitere Programme zu inspirieren für eine konsequente Einbettung von Zukunftskompetenzen in die Qualifizierung für den öffentlichen Dienst.

 

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Der Award bedeutet für uns aber noch mehr: Er ist ein Signal, dass Zukunftskompetenzen in der Verwaltungsausbildung anerkannt werden.

 

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VdZDer Award wurde Ihnen für die Neukonzipierung des Studiengangs Public Management (B.Sc.) an der Hochschule Darmstadt verliehen. Warum war diese Neuausrichtung notwendig und was macht den Ansatz besonders?

Prof. Edel und Prof. StorkDie Notwendigkeit zur Neuausrichtung ergab sich aus einer Bestandsaufnahme. Verwaltungen stehen gleichzeitig vor der digitalen und der sozial-ökologischen Transformation, was wir als Twin Transformation bezeichnen. Das ist nicht einfach ein doppelter Arbeitsauftrag, sondern eine fundamentale Herausforderung: Es geht nicht nur darum, neue Prozesse einzuführen, sondern darum, wer Verwaltung sein will: eine lernende und entwickelnde Gemeinschaft, die ko-kreativ mit Bürgerinnen und Bürgern, Zivilgesellschaft und Wirtschaft zusammenarbeitet.

2020 haben wir den Studiengang gemeinsam mit Oliver Will, Geschäftsführer der Strategiemanufaktur Karlsruhe, konsequent auf diese Twin Transformation ausgerichtet. Dabei haben wir Zukunftskompetenzen nicht als Zusatzmodul zu begriffen, sondern als strukturgebendes Prinzip des gesamten Curriculums. Kommunale Führungskräfte wurden von Anfang an in die Entwicklung eingebunden und ihr Feedback hat die inhaltlichen Schwerpunkte direkt geprägt.

Das Ergebnis ist ein Studiengang, der bislang einzigartig in Deutschland ist. Wir integrieren weitgehend das Kompetenzrahmenwerk von Brundiers und Wiek, ursprünglich für Nachhaltigkeitsstudien entwickelt, konsequent in ein Public-Management-Curriculum und erweitern es um spezifische Zukunftskompetenzen wie Resilienz und Neugier. Dazu kommen die Inner Development Goals als Reflexionsrahmen für die innere Haltung der Studierenden und Scrum als methodisches Gerüst für kollaboratives Arbeiten. Kurzum: Wir lehren nicht über Transformation, wir gestalten den Lernprozess selbst transformativ.

 

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Feierliche Preisverleihung auf dem 12. Zukunftskongress Staat & Verwaltung

VdZWelche Kompetenzen benötigen Verwaltungsmitarbeitende heute und in den kommenden Jahren am dringendsten?

Prof. Edel und Prof. StorkWenn wir eine Kompetenz nennen müssten, die über allem steht, wäre es die Fähigkeit, über organisationale, sektorale und politische Grenzen hinweg zu wirken: gemeinsame Sprachen zu finden und Akteure mit unterschiedlichen Interessen zusammenzuführen. Digitalisierung scheitert in Deutschland immer wieder nicht an der Technik, sondern an den Schnittstellen zwischen Verwaltungsebenen, weil diese Koordinationsaufgaben niemand souverän wahrnehmen kann.

Darüber hinaus brauchen wir Verwaltungsmitarbeitende, die systemisch denken können und verstehen, dass Entscheidungen Wechselwirkungen haben, die weit über den eigenen Zuständigkeitsbereich hinausgehen. Und sie brauchen normative Urteilskraft: die Fähigkeit, in einer Welt konkurrierender Werte und Interessen begründete Entscheidungen zu treffen und diese zu vertreten. Das klingt abstrakt, ist aber sehr praktisch. Wer eine digitale Dienstleistung gestaltet, ohne die Bürgerperspektive wirklich einzunehmen, entwirft am Ende ein System, das niemand benutzt.

Und schließlich brauchen wir Menschen, die mit Unsicherheit umgehen können. Nicht Gleichgültigkeit, sondern echte Resilienz im Sinne von Neugestaltungsfähigkeit: das Vermögen, sich nach einer Erschütterung nicht nur zu erholen, sondern gestärkt und klüger neu aufzustellen. Neugier ist dabei der Motor.

 

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Wer eine digitale Dienstleistung gestaltet, ohne die Bürgerperspektive wirklich einzunehmen, entwirft am Ende ein System, das niemand benutzt.

 

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VdZStudierende arbeiten bereits ab dem dritten Semester mit Kommunen an realen Transformationsprojekten. Welche Erfahrungen haben Sie mit diesem praxisnahen Ansatz gemacht?

Prof. Edel und Prof. StorkDie wichtigste Erfahrung ist: Es macht einen fundamentalen Unterschied, ob Studierende an einem Fallbeispiel aus dem Lehrbuch arbeiten oder an einer echten Herausforderung einer realen Verwaltung, mit echten Stakeholdern, echten Deadlines und echten Konsequenzen. Über unseren KommunalHub, ein Kooperationsnetzwerk mit Kommunen in der Rhein-Main-Region, bearbeiten unsere Studierenden Projekte, die tatsächlich in kommunale Entscheidungsprozesse einfließen. Das erzeugt eine Ernsthaftigkeit und Motivation, die kein Planspiel replizieren kann.

Gleichzeitig sind wir ehrlich über die Herausforderungen dieses Formats. Kommunale Partner haben eigene Zeitpläne, politische Rahmenbedingungen und manchmal begrenzte Kapazitäten für die Begleitung von Studierendenprojekten. Der KommunalHub ist daher keine Praktikumsbörse, sondern eine strategische Partnerschaft, in der wir gemeinsam Wissen produzieren und transferieren. Das braucht Zeit und gegenseitiges Vertrauen.

Was uns dabei besonders beeindruckt: Studierende, die aktiv in der Verwaltung arbeiten und gleichzeitig studieren, erleben oft produktive Spannungen. Am Montag im Seminar über ko-kreative Governance, am Dienstag in der eigenen Behörde mit einem hierarchischen Genehmigungsverfahren konfrontiert. Das erzeugt Reibung, aber eine lehrreiche. Genau diese Momente, in denen eigene Annahmen hinterfragt werden müssen, sind der Kern transformativen Lernens.

VdZWelche Veränderungen beobachten Sie bei den Studierenden durch dieses Ausbildungskonzept: fachlich, aber auch im Hinblick auf ihr Selbstverständnis als künftige Verwaltungsmitarbeitende?

Prof. Edel und Prof. StorkFachlich sehen wir: bessere Fähigkeiten in Projektsteuerung, Prozessmanagement, Stakeholder-Kommunikation und systemischer Analyse. Das sind messbare Kompetenzen, die wir mit unserem Evaluationsprogramm systematisch erheben.

Was uns aber tiefer berührt, ist die Entwicklung des professionellen Selbstverständnisses. Wir beobachten insbesondere bei unseren berufsbegleitend Studierenden einen Wandel von einer eher regelausführenden Haltung hin zu dem, was wir als ko-kreative Governance-Haltung bezeichnen würden: ein Selbstverständnis als Mitgestalterinnen und Mitgestalter gesellschaftlicher Resilienz, nicht nur als Verwalter von Zuständigkeiten. Das zeigt sich darin, wie Studierende im Laufe des Semesters über ihre Rolle in der Gesellschaft sprechen. Anfangs dominiert oft das Bild des Vollzugs, am Ende hört man mehr von Begriffen wie Ko-Produktion, Verantwortungsgemeinschaft und Gestaltungsauftrag.

Eine besondere katalytische Wirkung hat dabei unser PuMaX-Workbook mit zwei eigens entwickelten neuen Scrum-Rollen: dem Sustainability Advocate, der Nachhaltigkeitsfragen systematisch in Projektentscheidungen verankert, und dem Design Advocate, der die Bürgerperspektive in jede Gestaltungsentscheidung einwebt. Beide Rollen sind zunächst ungewohnt und manchmal unbequem. Und dann, oft gegen Ende des Semesters, werden sie zur selbstverständlichen professionellen Haltung. Dieser Prozess verläuft von innen heraus.

 

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Wir beobachten insbesondere bei unseren berufsbegleitend Studierenden einen Wandel von einer eher regelausführenden Haltung hin zu dem, was wir als ko-kreative Governance-Haltung bezeichnen würden: ein Selbstverständnis als Mitgestalterinnen und Mitgestalter gesellschaftlicher Resilienz, nicht nur als Verwalter von Zuständigkeiten.

 

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VdZWelche nächsten Entwicklungsschritte sind für den Studiengang geplant und welche Impulse möchten Sie damit für die Verwaltungsausbildung in Deutschland setzen?

Prof. Edel und Prof. StorkUnmittelbar stehen zwei Dinge an. Wir führen gerade unsere erste systematische Evaluation durch: Mit dem Jahrgang 2025/26 erheben wir Kompetenzdaten an drei Messzeitpunkten und werden erste Ergebnisse im nächsten Jahr veröffentlichen. Wir wollen wissen, ob das, was wir theoretisch begründen und im Tagesgeschäft beobachten, auch empirisch nachweisbar ist.

Gleichzeitig möchten wir das PuMaX-Workbook für andere Hochschulen zugänglich machen. Die Grundarchitektur ist übertragbar: kollaboratives Lernen in echten Governance-Kontexten, strukturierte Reflexion in jeder Projektphase und Rollenrotation als Lernprinzip. Wir pilotieren zudem im Wintersemester eine kompakte Form unseres Ansatzes als "PuMa-Miniatur" mit drei Kern-Modulen (Changemanagement, digitale Transformation und sozial-ökologische Transformation) und zwei Option-Modulen (moderne Daseinsvorsorge und Public Service Design), die dann für Führungskräfte im Public Management separat buchbar und berufsintegriert studierbar sein wird.

Der Impuls, den wir für die Verwaltungsausbildung in Deutschland setzen möchten, ist dieser: Zukunftskompetenzen sind keine Ergänzung zum Kernstudium, sie sind der Kern. Wir brauchen eine strukturelle Reform, die digitale und sozial-ökologische Transformation als untrennbare Aufgabe begreift und die innere Entwicklung der Menschen, die diese Transformation gestalten, systematisch fördert. In der Laudatio wurde das als Leadership, das Strukturen verändert und Zukunft gestaltbar macht, bezeichnet. Genau das ist der Anspruch. Die Neugier und der Mut, den wir bei unseren Studierenden und Partnerinnen und Partnern erleben, machen uns zuversichtlich, dass wir damit über Darmstadt hinaus etwas bewegen können.