Deutschland-Stack Cassini 2
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Der Deutschland-Stack: 4 Hebel für die erfolgreiche Einbindung von Ländern und Kommunen

An die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung in Deutschland werden hohe Erwartungen gestellt. Gleichzeitig steht sie vor erheblichen Herausforderungen: Fragmentierte IT-Landschaften, komplexe Rechtsgrundlagen und eine föderale Struktur prägen das Umfeld. Letztere ermöglicht zwar Vielfalt, erschwert jedoch vor allem die notwendige Koordination zwischen den Ebenen.

Vor diesem Hintergrund hat das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung den Deutschland-Stack (D-Stack) postuliert. Dieser stellt einen Ordnungsrahmen dar, der genau an diesen Herausforderungen ansetzen soll. Damit eröffnet sich eine neue Chance, über alle Verwaltungsebenen hinweg gemeinsame Grundlagen zu schaffen: von definierten technischen Standards und anschlussfähigen Modulen bis hin zu einem übergreifenden Architekturverständnis. Der D-Stack soll Orientierung geben, Entwicklungen bündeln und somit den Weg für eine moderne und interoperable Verwaltungs-IT ebnen.

Ein Blick auf die offizielle D-Stack-Website zeigt gleichzeitig: Die dort beschriebenen sechs Kriterien des Reifegradmodells mit fünf Bewertungsstufen setzen wichtige strategische Leitplanken. Aufgrund ihrer Abstraktheit bieten sie jedoch nur bedingt Orientierung für eine zentrale Umsetzungsfrage: Wie gelingt die wirksame Einbindung von Ländern und Kommunen? Wenn mehr als 80 Prozent aller Behördenkontakte auf die kommunale Ebene entfallen, ist entscheidend, ob der D-Stack im föderalen Gefüge angenommen wird. Seit Beginn der Digitalen Transformation sind bereits mehrere Digitalisierungsinitiativen an Akzeptanz, Anschlussfähigkeit und praktischer Umsetzung auf Landesebene gescheitert.

Aus diesem Grund setzen wir den Fokus auf vier konkrete Hebel, welche die abstrakten Kriterien des Reifegradmodells aufgreifen und dabei die Perspektiven von Ländern und Kommunen in den Mittelpunkt stellen:

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1. Interoperabilität als strategische Grundvoraussetzung

Eine große Herausforderung der Verwaltungsdigitalisierung besteht darin, bereits etablierte Landes-, Kommunal- und Fachverfahren anschlussfähig zu integrieren. Das Leitprinzip sollte dabei lauten: nicht ersetzen, sondern anbinden. Interoperabilität ist somit eine strategische Grundvoraussetzung für das nachhaltige Zusammenspiel gewachsener IT-Landschaften und geht über rein technische Fragestellungen hinaus.

Für die praktische Umsetzung sind verbindliche Standards für Schnittstellen und Protokolle sowie transparente Informationen über verfügbare Dienste erforderlich. Dabei muss Interoperabilität als mehrdimensionales Konzept verstanden werden, das rechtliche, organisatorische, semantische und technische Aspekte gleichermaßen berücksichtigt.

Ein etabliertes Referenzmodell hierfür ist das European Interoperability Framework (EIF) der Europäischen Kommission. Das EIF definiert gemeinsame Prinzipien, Modelle und Empfehlungen, um digitale öffentliche Dienste in Europa grenzüberschreitend und organisationsübergreifend interoperabel zu gestalten. Es werden vier Interoperabilitätsebenen unterschieden:

  • rechtliche Interoperabilität (kompatible Rechtsrahmen)
  • organisatorische Interoperabilität (abgestimmte Prozesse, Rollen und Zuständigkeiten)
  • semantische Interoperabilität (gemeinsame Bedeutungen, Datenmodelle und Begriffe)
  • technische Interoperabilität (Standards, Protokolle und Architekturprinzipien)

In Bezug auf die technische Interoperabilität ist es erforderlich, Schnittstellen langfristig konsistent zu gestalten, sie offen zu dokumentieren und verbindlich zu pflegen. Zentrale Elemente sind dabei klar definierte Versionierungsmechanismen, einheitliche Qualitätsstandards, verbindliche Schnittstellenverträge (API Contracts) und ein transparentes API-Lifecycle-Management.

2. Einfache Nutzbarkeit und klare Zugänge

In kleinen und mittleren Kommunen entscheidet sich der Erfolg des D-Stacks an seiner praktischen Nutzbarkeit. Kommunen benötigen verständliche, niedrigschwellige Zugänge, aus denen eindeutig hervorgeht:

  • welche Module verfügbar sind
  • welchen konkreten Mehrwert sie bieten
  • welche Voraussetzungen für die Nutzung bestehen

Verständliche Produktbeschreibungen mit klar erkennbaren Varianten, nachvollziehbare Implementierungswege sowie leicht und schnell verfügbare Unterstützungsangebote sind essenziell, damit Kommunen unabhängig von ihrer Größe, ihrer technischen Reife oder ihren jeweiligen Abhängigkeiten von den örtlichen IT-Dienstleistern der ÖV handlungsfähig bleiben.

3. Attraktivität durch finanzielle Anreize

Angesichts der angespannten Haushaltslage vieler Länder und Kommunen kommt der finanziellen Ausgestaltung des D-Stacks eine entscheidende Bedeutung zu. Erforderlich sind transparente Kostenmodelle und überzeugende Basisdienste, die idealerweise kostenfrei bereitgestellt werden. Ohne solche Angebote wird eine breite Nutzung des D-Stacks kaum realistisch sein.

Gerade wenn Bund und Länder technische Standards vorgeben, müssen diese für Kommunen finanziell tragfähig bleiben. Akzeptanz entsteht nicht allein durch verbindliche Vorgaben, sondern vor allem durch wirksame Anreizstrukturen. Dazu zählen insbesondere:

  • transparente Kostenmodelle
  • kostenfreie oder stark vergünstigte Basisdienste
  • Förderlogiken für Einführung und Migration
  • vereinfachte Vergabestrukturen

Fehlen solche finanziellen Anreize, droht der D-Stack trotz tragfähiger Architektur an den finanziellen Möglichkeiten der Kommunen zu scheitern.

4. Fokussierte Beteiligung statt lähmender Abstimmungsschleifen

Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen, dass Digitalisierungsvorhaben häufig in breit angelegten Beteiligungsprozessen versunken sind. Angesichts des hohen Handlungsdrucks bei der Verwaltungsdigitalisierung kann sich der D-Stack solche Zeitverluste jedoch nicht leisten.

Vor diesem Hintergrund können die auf der offiziellen Website des Deutschland-Stacks angekündigten themenspezifischen Stakeholder-Workshops mit Vertretungen aus Start-ups und Scale-ups, Wissenschaft, Zivilgesellschaft, IT-Wirtschaft sowie öffentlichen IT-Dienstleistern wertvolle Impulse liefern. Ihre Wirkung entfalten sie allerdings nur dann, wenn sie klar fokussiert sind und nicht in langwierigen Abstimmungsrunden münden.

Für die nächsten Schritte ist daher ein präziser Ansatz nötig: verbindliche Vorgaben von zentraler Instanz, ergänzt durch Beteiligungsformate, die dort ansetzen, wo sie einen echten Mehrwert schaffen. Idealerweise wird die Top-down-Orientierung mit föderaler Mitwirkung so ausbalanciert, dass weder Geschwindigkeit noch Anschlussfähigkeit verloren gehen.

Damit dies gelingt, sollte(n):

  • Leitplanken präzise formuliert und verlässlich kommuniziert werden
  • Workshops und Beteiligungsformate klar definierte Fragestellungen bearbeiten
  • die Kommunikation so ausgerichtet sein, dass sich Länder und Kommunen abgeholt fühlen und den eingeschlagenen Weg aktiv mitgehen möchten.

Fazit: Im Schulterschluss kann der D-Stack eine echte Erfolgsgeschichte werden!

Der Anspruch des D-Stacks ist hoch: Er soll Orientierung und Standards schaffen, ohne die föderale Selbstständigkeit einzuschränken. Andere europäische Staaten verfolgen stärker zentralisierte Ansätze. Die föderale Vielfalt Deutschlands ist hingegen historisch gewachsen und verfassungsrechtlich verankert. Dies macht den Aufbau einer gemeinsamen digitalen Infrastruktur zwar anspruchsvoll, aber keineswegs unmöglich.

Ab diesem Zeitpunkt wird ein pragmatisches Vorgehen entscheidend sein. Anstatt auf ein perfektes Gesamtkonzept zu warten, sollten Basiskomponenten frühzeitig bereitgestellt und in der Praxis erprobt werden. Auf dieser Grundlage kann das Angebot dann schrittweise weiterentwickelt werden. So entstehen Vertrauen, Anschlussfähigkeit und eine reale Nutzungsperspektive für alle föderalen Ebenen.

Die Cassini Consulting AG unterstützt Verwaltungen dabei, Prozesse zu harmonisieren, Projekte wirksam zu steuern und komplexe Veränderungsvorhaben erfolgreich umzusetzen. Wenn Sie gemeinsam mit uns herausfinden möchten, welche Chancen sich aus dem D-Stack für Ihre Kommune ergeben, sprechen Sie gerne Philip Schmidt an.