Verwaltung der Zukunft: Welche Bedeutung hat die Weltraumsicherheitsstrategie aus Sicht des Weltraumkommandos und was ändert sich dadurch ganz konkret für Ihren Auftrag?
Oberstleutnant i. G. Mario Süshardt: Die Weltraumsicherheitsstrategie ist aus Sicht des Weltraumkommandos der Bundeswehr ein zentraler strategischer Durchbruch. Sie verankert Weltraumsicherheit erstmals klar als Bestandteil der nationalen Sicherheitsvorsorge und der Landes- und Bündnisverteidigung.
Für unseren Auftrag bedeutet das vor allem Klarheit und Verbindlichkeit. Das Weltraumkommando der Bundeswehr ist nicht nur Unterstützer, sondern übernimmt eine zentrale operative Verantwortung in der Dimension Weltraum. Dazu zählen insbesondere der Schutz der militärischen Weltraumnutzung, die Planung und Führung von Weltraumoperationen sowie der gezielte Aufbau entsprechender Fähigkeiten.
VdZ: Die Strategie spricht von einer „militärischen Weltraumarchitektur der Bundeswehr“ als Kern der deutschen Weltraumsicherheitsarchitektur. Was ist darunter praktisch zu verstehen und wo steht Deutschland hier heute?
Süshardt: Die militärische Weltraumarchitektur der Bundeswehr umfasst alle Fähigkeiten, die notwendig sind, um den Weltraum militärisch zu nutzen, zu schützen und – falls erforderlich – darin zu wirken. Dazu gehören Systeme wie Satelliten, dazugehörige Führungs- und Sensorsysteme, Führungsstrukturen, Personal sowie entsprechende Verfahren.
Deutschland verfügt heute bereits über tragfähige Grundelemente, insbesondere bei der Weltraumlage und ausgewählten Satellitensystemen. Mit der Weltraumsicherheitsstrategie beginnt nun der systematische Aufbau dieser Architektur hin zu mehr Resilienz, Vernetzung und Durchhaltefähigkeit – auch unter Bedrohung und im Bündnisrahmen.
VdZ: Wo sehen Sie aktuell die größten praktischen Herausforderungen bei der Umsetzung der Weltraumsicherheitsstrategie?
Süshardt: Die größte Herausforderung liegt im gleichzeitigen Aufbau neuer Fähigkeiten im laufenden Betrieb. Weltraumsicherheit muss unter hohem Zeitdruck, technologischer Komplexität und in enger Verzahnung mit Partnern umgesetzt werden.
Hinzu kommen der Bedarf an hochqualifiziertem Personal sowie die enge Einbindung von Industrie und Forschung, um neue Fähigkeiten schnell und belastbar verfügbar zu machen. Entscheidend ist daher ein koordiniertes, realistisch priorisiertes Vorgehen, das nationale, multinationale und ressortübergreifende Aspekte zusammenführt.
VdZ: Die Abhängigkeit von weltraumgestützten Diensten wächst stetig – von Navigation bis Kommunikation. Wie bereitet sich das Weltraumkommando operativ darauf vor, diese Fähigkeiten auch in Krisen- oder Konfliktsituationen zu schützen?
Süshardt: Zentraler Auftrag des Weltraumkommandos der Bundeswehr ist es, die militärische Weltraumnutzung auch unter Bedrohung aufrechtzuerhalten und die eigene Handlungsfähigkeit im Weltraum zu sichern. Wie Verteidigungsminister Boris Pistorius betont hat, schließt dies auch Fähigkeiten zu offensiven Weltraumoperationen und somit eine glaubwürdige Abschreckung im Weltraum mit ein. Ziel dabei ist nicht die Eskalation, sondern im Gegenteil durch klare Fähigkeiten und eindeutige Signale zu verhindern, dass es zu einem möglichen Konflikt im Weltraum kommt. Abschreckung wirkt dann, wenn ein potentieller Gegner erkennt, dass Störungen oder Angriffe weder einfach sind, noch folgenlos bleiben.
Ziel dabei ist nicht die Eskalation, sondern im Gegenteil durch klare Fähigkeiten und eindeutige Signale zu verhindern, dass es zu einem möglichen Konflikt im Weltraum kommt.
VdZ: Die Strategie spricht auch von technologischer Weiterentwicklung. Welche technologischen Trends oder Fähigkeiten sind aus Ihrer Sicht besonders entscheidend für die künftige Weltraumsicherheit?
Süshardt: Entscheidend ist der Übergang von wenigen, hochkomplexen Einzelsystemen hin zu verteilten, skalierbaren und schnell ersetzbaren Weltraumfähigkeiten. Solche Architekturen erhöhen die Resilienz erheblich und erschweren gezielte Störungen oder Ausfälle. Daneben gewinnen Fähigkeiten zur schnellen Lageerfassung und -auswertung, etwa durch automatisierte und KI-gestützte Verfahren, deutlich an Bedeutung. Ergänzt wird dies durch Schutz- und Inspektionsfähigkeiten im Orbit sowie durch Wirkoptionen, die keinen zusätzlichen Weltraumschrott erzeugen. Insgesamt geht es darum, technologische Überlegenheit in operative Handlungsfähigkeit zu übersetzen.
VdZ: Welche Bedeutung hat das Weltraumkommando für die Zusammenarbeit mit Partnern und Alliierten, insbesondere im Rahmen der NATO?
Süshardt: Der Weltraum ist ein hochgradig multinationaler Handlungsraum, in dem kein Staat allein handlungsfähig bleibt. Das Weltraumkommando ist der zentrale militärische Ansprechpartner Deutschlands für Weltraumfragen gegenüber Partnern und Alliierten.
Innerhalb der NATO tragen wir zur gemeinsamen Lageerstellung, zur operativen Abstimmung und zur Integration nationaler Beiträge in multinationale Strukturen bei. Ziel ist es, Fähigkeiten zu bündeln, Redundanzen zu schaffen und die Dimension Weltraum nahtlos in die kollektive Verteidigungsplanung einzubinden.
VdZ: Was bedeutet die Weltraumsicherheitsstrategie aus Ihrer Sicht für andere staatliche Ebenen, etwa die zivile Verwaltung oder Sicherheitsbehörden?
Süshardt: Die Weltraumsicherheitsstrategie macht deutlich, dass Weltraumsicherheit eine gesamtstaatliche Aufgabe ist. Viele zivile Bereiche – von Verwaltung über Wirtschaft bis hin zu Sicherheitsbehörden – sind in hohem Maße von weltraumgestützten Diensten abhängig.
Für andere staatliche Akteure schafft die Strategie einen gemeinsamen Rahmen für Lageaustausch, Krisenreaktion und Resilienzplanung. Die Bundeswehr stellt dabei das militärische Rückgrat, agiert aber eingebettet in einen ressortübergreifenden Ansatz, der zivile und militärische Kompetenzen miteinander verzahnt.
Die Weltraumsicherheitsstrategie macht deutlich, dass Weltraumsicherheit eine gesamtstaatliche Aufgabe ist.
VdZ: Woran wird man in fünf bis zehn Jahren messen können, ob die Weltraumsicherheitsstrategie erfolgreich war?
Süshardt: Der Erfolg der Weltraumsicherheitsstrategie wird sich daran messen lassen müssen, ob Deutschland seine sicherheitsrelevante Weltrauminfrastruktur auch unter Bedrohung, in Krisen und im Bündnisfall zuverlässig aufrechterhalten kann. Maßgeblich sind dabei, wie bereits erwähnt, ein dauerhaft belastbares Weltraumlagebild, geschützte und resiliente Systeme sowie die Fähigkeit, Einschränkungen der Weltraumnutzung frühzeitig zu erkennen und zu kompensieren.
Ebenso wichtig ist, dass der Weltraum fest in die militärische Operationsführung integriert ist und Deutschland als handlungsfähiger und verlässlicher Partner in NATO und EU wahrgenommen wird. Wenn der Weltraum kein operatives Risiko mehr darstellt, sondern einen stabilisierenden Beitrag zu Landes- und Bündnisverteidigung leistet, ist die Strategie erfolgreich umgesetzt.