Impfstatistik RKI Deutschland
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Die Datenbasis der Bundesregierung zu COVID-19 – Das „Tal der Ahnungslosen“?

Wie die Bundesregierung ohne belastbare Datenbasis durch die Pandemie „steuert“

Prof. Robert Müller-Török und Prof. Alexander Prosser zeigen in ihrem Beitrag die Fehlerquellen der COVID-19 Impfkampagne auf, die weder vom Robert-Koch-Institut noch von den Gesundheitsbehörden erkannt oder geschlossen wurden.

Robert Müller-Török

Alexander Prosser

Die aktuell geäußerten Zweifel an der RKI-Statistik

In der jüngsten Tagespresse werden massive Zweifel an der Validität des „Digitalen Impfquotenmonitoring zu COVID-19“, der sogenannten RKI-Statistik, geäußert. Möglicherweise, so die Presse, sind etliche Millionen Menschen mehr geimpft als die RKI-Zahlen wiedergeben. Das Robert-Koch-Institut (RKI) selbst veröffentlichte dankenswerterweise eine Umfrage (10.8.2021, Datenerhebung: 28.06.21 - 13.07.21), nach der die tatsächliche Anzahl der mindestens Erstgeimpften 18- bis 59-jährigen Personen in Deutschland 79 Prozent beträgt (S. 3), während im Digitalen Impfquotenmonitoring (DIM) des RKI nur ein Wert von 59 Prozent ausgewiesen wird (ibid.). Die Diskrepanz beträgt also 20 Prozentpunkte.   

Wir sehen in dieser Diskrepanz ein strukturelles Problem: Anscheinend sind die auf den eigenen Geschäftsprozessen und dem eigenen Berichtswesen der Gesundheitsbehörden in Deutschland beruhenden Zahlen zumindest zweifelhaft. So unternimmt laut taz das RKI nun den Versuch, das eigene Zahlenwerk durch Umfragen zu „verbessern“, Zitat:

 

Um bessere Informationen zur tatsächlichen Zahl der Corona-Impfungen zu erhalten, will das RKI weitere Umfragen durchführen. So sei im frühen Herbst eine Erhebung unter 3.000 Bürger:innen zu Impfbereitschaft und Akzeptanz geplant.

 

Dies wäre in etwa so, als ob der Bundesfinanzminister die Steuereinnahmen auf Basis seiner eigenen Buchführung nicht mehr kennt und nun Umfragen bei Meinungsforschungs­instituten in Auftrag gibt, wie viel Steuer denn die Bürger zahlen.

Die Autoren haben bereits in früheren Beiträgen im Januar 2021 dargelegt, dass die Impfkampagne aus logistischer Sicht suboptimal geplant und durchgeführt wird, im März 2021 das zentrale indische IT-System als Blaupause für Deutschland empfohlen und zuletzt im Mai 2021 deutlich gemacht, dass die Bundesregierung ein Steuerungsproblem hat. Gerade der Vergleich mit dem zentralen indischen Impfmanagementsystem CoWIN ist erschütternd: CoWIN fungiert zentral für 1,36 Milliarden Inder als Impfanmelde-, Impferfassungs- und Impfnachweissystem mit Schnittstellen in die Impfstofflogistik. Entsprechend weiß die indische Regierung de facto in Echtzeit, wer welche Impfung erhalten hat und in Summe wie viele Menschen in Indien geimpft wurden. Ebenso weiß sie, dass per Stand 16.8.2021 dort 502,3 Millionen Menschen für die Impfung registriert sind. Ein Blick auf das indische Dashboard zeigt, wie State-of-the-Art Impfmanagement funktioniert. Indien bietet das System übrigens open source anderen Ländern zur Verwendung an.

In diesem Beitrag wollen wir die Fehlerquellen, welche das RKI und die Gesundheitsbehörden systematisch seit Beginn der Impfkampagne nicht erkannt beziehungsweise nicht geschlossen haben, aufzeigen.

The Basics: Was ist eine Impfquote?

Die Impfquote, wie sie sich aus den Zahlen des RKI und denen des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) errechnet, ist ein Bruch mit dem Zähler „verabreichte Impfungen“ und dem Nenner „relevante Zielgruppe“. (Je nach Anwendungsgebiet vollständige oder auch nur Erstimpfungen eines Impfstoffes, der zwei Teilimpfungen benötigt.) Dieser Bruch, und das scheinen BMG wie RKI den Informationen zu ihren jeweiligen Zahlenwerken nach nicht verstanden beziehungsweise wenigstens nicht umgesetzt zu haben, ist ein bewegliches Ziel, eine sich täglich verändernde Größe. Wenn am 26.12.2020 die erste Impfung an Hochbetagte verabreicht wurde und danach mit absteigendem Alter geimpft wurde, dann sind bis August 2021 etliche dieser Impflinge mittlerweile verstorben. Darauf haben wir bereits in unseren früheren Beiträgen hingewiesen, ebenso auf die Phänomene des Zu- und Wegzuges, die beide täglich sowohl auf den Zähler wie auch auf den Nenner des Bruches wirken.

Einflussfaktoren auf den Zähler der Impfquote

Auf den Zähler, das heißt die Anzahl der verabreichten Impfungen, wirken und sind unseres Erachtens nach nicht angemessen erfasst:

  • Impfungen, die Verstorbenen oder Weggezogenen verabreicht wurden
  • Impfungen, welche die relevante Zielgruppe im Ausland erhielt, beispielsweise in Deutschland lebende Unionsbürger, die in ihren Heimatländern wie Polen schneller eine Impfung erhielten.
  • Impfungen, die in Deutschland an Personen verabreicht wurden, welche nicht zur relevanten Zielgruppe gehörten, etwa der berühmte Fall der 120 Angestellten eines italienischen Ferienressorts, die am Münchner Flughafen geimpft wurden.
  • Zugezogene Personen, die bereits ganz oder teilweise geimpft seit 26.12.2020 ins Bundesgebiet kamen ebenso wie aus Deutschland seitdem weggezogene, aber hier geimpfte Personen
  • Mehrfachimpfungen; es kann anhand des Meldesystems nicht ausgeschlossen werden, dass sich Personen öfters impfen lassen als medizinisch induziert ist.

Dazu kommt erschwerend, dass weder BMG noch RKI in der Lage sind, anhand der Impfstofflieferungen nachzuvollziehen, wie viele Impfungen verabreicht worden sein müssten. Hier existiert das zu trauriger Berühmtheit gelangte Problem der BionTech/Pfizer-Ampullen, aus denen mehr als die vorgeschriebenen Impfungen gezogen werden können. Dieses Problem war zum Beispiel laut der „Pharmazeutischen Zeitung“ bereits vor Beginn der Impfkampagne im Dezember 2020 bekannt. Damit besteht auch keine Möglichkeit mehr, dass der Zähler exakt sein kann. Hierfür hätte es vor Beginn der Impfkampagne einer professionellen Ausgestaltung des Controllings und der Prozesse bedurft, insbesondere der Registration der Impfung in ein zentrales System wie CoWIN am Ort der Verimpfung, also am “point of vaccination”. Entscheidend war hier unserer Meinung nach eine Schwäche der CoronaImpfV, wonach die im Rahmen der „Impfsurveillance“ (§ 4) an das RKI gemeldeten Daten pseudonymisiert sein müssen – was möglicherweise de facto auf eine Anonymisierung hinausläuft.  

Das RKI selbst beklagt diese Datenlücken anhand des Impfstoffs der Fa. Janssen (Johnson & Johnson) in der eingangs erwähnten Umfrage:

 

Die Vertragsärzt:innen melden Janssen-Impfungen im DIM ausschließlich als zweite Impfdosen, außerdem ist aus diesen Daten keine Zuordnung von Impfstoff und Altersgruppe möglich. (S. 4)

 

Österreich beispielsweise hat zwar kein zentrales, integriertes Impfmanagementsystem wie Indien, erfasst aber wenigstens die Impfung ad personam in der zentralen e-Gesundheitsakte, aus der der Geimpfte mit Hilfe eines handysignaturbasierten Logins sein Impfzertifikat als PDF downloaden oder ausdrucken kann. Die Handysignatur ist die österreichische eID (Bürgerkarte); über zweieinhalb Millionen Menschen (bei knapp neun Millionen Einwohnern) haben dort bereits die Handysignatur. Menschen ohne Handysignatur erhalten ein Papierexemplar des Impfzertifikats per Post zugesandt.

Einflussfaktoren auf den Nenner der Impfquote

Auf den Nenner, das heißt die Anzahl der verabreichten Impfungen, wirken und sind unseres Erachtens nach nicht angemessen erfasst

  • Sterbefälle und Geburten sowie Zu- und Wegzüge. Dass den Daten des RKI der Bevölkerungsstand vom 31.12.2019 zugrunde liegt, ist nicht akzeptabel für ein G7-Mitgliedsland. Allein 2020 betrug die Nettozuwanderung 220.000 Personen, die jährlichen Sterbefälle liegen knapp unter einer Million Personen.
  • Wechsel der Altersgruppe: Eine Unterteilung in Altersgruppen wie 12-17 Jahre, 18-59 Jahre und 60+ Jahre wird bei einem Monitoringzeitraum von mittlerweile fast neun Monaten ungenau, weil Personen die Altersgruppe wechseln, indem sie älter werden.
  • Eingeschränkt Zu- und Wegzüge innerhalb Deutschlands, die auch zwischen zwei Teilimpfungen erfolgen können. Dies würde wohl zur Interpretation führen, dass etwa in Sachsen Menschen nicht zur Zweitimpfung erscheinen – wie der MDR berichtete. Tatsächlich sind wenigstens ein paar dieser Menschen „nur“ in ein anderes Bundesland gezogen oder haben dort aus welchen Gründen auch immer die Zweitimpfung erhalten – beispielsweise im benachbarten Polen und Tschechien. § 4 der CoronaImpfV schreibt die Erfassung des Landkreises und der Postleitzahl des Impflings vor – statisch zum Zeitpunkt der Impfung.

Die Kernursachen: Die fehlende Personenidentifikation, mangelhafte (Einwohner-)Register sowie das Fehlen eines einheitlichen IT-Systems zur Pandemieverwaltung

Während beispielsweise in Österreich die ganze Impfkampagne im Wesentlichen über die Sozialversicherungsnummer abgewickelt wird, die auf der Krankenversicherungskarte aufscheint, wird diese in Deutschland nicht verlangt.

Ohne einen einheitlichen Identifikator kann es daher auch kein zentrales Impfmanagementsystem geben – das deutsche Problem ist also nicht nur ein technisches, sondern auch ein organisatorisches, das definitiv nicht vom RKI zu verantworten ist. Das RKI ist im Gesamtprozess lediglich “end of pipe”, wo dann die Probleme schlagend werden. Durch ein einheitliches System wie das indische CoWIN, mit dem auch die Anmeldung zur Impfung und der Impfnachweis zentral und an einer einzigen Stelle verwaltet werden, können auch Fragen beantwortet werden wie:

 

Wie viele Impfungen wurden heute (am 16.8.2021 bis 12:35) im Bundesstaat Maharashtra im Distrikt Mumbai im Impfzentrum “Nanavati Hospital” verabreicht?

Antwort: 1.016, Gesamtzahl bisher in diesem Zentrum 158.429.

 

Dies kann mit dem Dashboard durch geeignete Wahl der Filterkriterien leicht von jedermann ermittelt werden. Wie viele Impfungen heute zum Beispiel im Bundesland Bayern im Landkreis Miesbach verabreicht wurden, das wird das RKI in zwei Tagen wissen – vielleicht und in zweifelhafter Datenqualität (siehe oben).

Dass Indien in Bezug auf die insgesamt verabreichten Impfungen vor einigen Tagen die Europäische Union überholt hat, ist nicht verwunderlich: Indien ist größer, hat grob drei Mal so viel Einwohner und die definitiv besser organisierte Impfkampagne.

Warum ist das alles ein Problem?

Es ist absehbar, dass die bereits Geimpften in den nächsten Monaten eine Auffrischungsimpfung, den sogenannten „Booster“, benötigen werden, eventuell muss auch gegen die „Delta“-Variante des Virus geimpft werden. Impfmäßig fortgeschrittene Staaten wie Israel beginnen bereits damit, die über 50jährigen zum dritten Mal zu impfen. Der Presse nach haben die Gesundheitsminister der Bundesländer dies am 2. August 2021 auch für Deutschland beschlossen:

 

In Deutschland soll die dritte Corona-Impfung kommen. Die Auffrischungsimpfungen haben die Gesundheitsminister beschlossen.

 

Möglicherweise werden solche Auffrischungen in Zukunft auch durchaus zum Regelfall. Außerdem muss über die Zeitachse geplant werden, wann wie viele dieser Auffrischungen bei welchem Hersteller bestellt werden müssen.

Es ist offensichtlich, dass die deutschen Gesundheitsbehörden nicht wissen, wie viele lebende Einwohner des Bundesgebietes bereits geimpft sind. Und folgerichtig auch nicht annähernd genau wissen, wie viele Auffrischungsimpfungen wann benötigt werden. Vor allem aber sollte mit der Auffrischung bei denjenigen begonnen werden, die zuerst die Impfung erhalten haben – im Idealfall mit Einladung an die Betroffenen und einer Erklärung, warum die Auffrischung wichtig ist, plus einem Link zur Anmeldung mit Terminvorschlag. In einem System wie CoWIN, wo auch anlässlich des Anmeldeprozesses die elektronischen Kontaktdaten hinterlegt sind, sollte das kein Problem darstellen.

Es wäre nun dringendst an der Zeit, endlich die Voraussetzungen für eine geordnete Impfkampagne auch in Deutschland zu schaffen. Man kann sich der Forderung des RKI in der eingangs erwähnten Umfrage nur anschließen:

 

Die hier beschriebenen Überlegungen machen einmal mehr deutlich, wie wichtig eine verlässliche Meldung aller impfenden Stellen über die Webanwendung „Digitales Impfquoten-Monitoring“ ist. Nur so lässt sich der Impffortschritt in den jeweiligen Altersgruppen valide abbilden. (S. 4)

 

Die Autoren hoffen, dass dies gelingt. Allerdings müssen sie auf Basis des bisher Erreichten annehmen, dass dies aufgrund der organisatorischen und technischen Mängel nicht gelingt und es wieder, wie bei der ersten Impfkampagne, zunächst Impfstoffmangel und dann völliger Überschuss zu beobachten sein wird – was man im professionellen Logistikmanagement als Bullwhipeffekt kennt und zu vermeiden sucht. Wie bereits im allerersten Artikel zu diesem Thema zu Beginn des Jahres dargelegt, scheitert Europa nicht an der Impfstoffentwicklung und -produktion (also an den privatwirtschaftlichen Akteuren), sondern an Logistikplanung und Verwaltung. Daran hat sich zumindest in diesem Land seither nichts geändert.

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