Kurzstudie zur 27. Beschaffungskonferenz
Wo Bürokratieabbau, Digitalisierung und KI den größten Unterschied machen.
Wenn über Beschaffung im geopolitischen Spannungsfeld gesprochen wird, denkt man zunächst an Lieferketten, kritische Abhängigkeiten, Sicherheitsinteressen und technologische Souveränität. Die neue Kurzstudie zeigt aber: Ob der Staat in einer Krise tatsächlich handlungsfähig ist, entscheidet sich auch an einer viel grundsätzlicheren Stelle – an seinen eigenen Beschaffungsprozessen.
Wegweiser Research & Strategy GmbH hat dazu bundesweit ein aktuelles Meinungsbild aus öffentlicher Hand, Wirtschaft, Beratung und weiteren mit Vergabe befassten Organisationen erhoben. Insgesamt sind 168 Rückmeldungen eingegangen. Die Ergebnisse sind nicht als repräsentative Vollerhebung zu verstehen, aber sie zeigen sehr deutlich, wo Praktikerinnen und Praktiker derzeit den größten Handlungsdruck sehen.
Ergebnis 1: erheblicher Modernisierungsrückstand
Das erste Ergebnis ist vermutlich das deutlichste Warnsignal: Sieben von zehn Befragten sehen die öffentliche Beschaffung mindestens vier Jahre hinter der Privatwirtschaft zurück.
29 Prozent sprechen von vier bis sieben Jahren Rückstand, 27 Prozent von acht bis zehn Jahren und weitere 15 Prozent sogar von mehr als zehn Jahren. Nur etwa jeder Zehnte sieht keinen relevanten Unterschied.
Dieser Rückstand ist im geopolitischen Kontext keine reine Effizienzfrage. Wenn sich Märkte, Technologien und Lieferketten schnell verändern, wird die Geschwindigkeit der Beschaffung selbst zu einem Faktor staatlicher Handlungsfähigkeit.
Ein Staat, der neue Lieferquellen erschließen, kritische Technologien sichern oder kurzfristig auf eine Krise reagieren muss, braucht professionelle Strukturen, aktuelle Marktdaten und deutlich schnellere Entscheidungswege. Ein mehrjähriger Entwicklungsrückstand wird deshalb sehr schnell zu einem Sicherheits- und Souveränitätsrisiko.
Ergebnis 2: Bürokratie bremst den Wettbewerb
Das zweite Ergebnis betrifft den Zugang zum öffentlichen Markt: 74 Prozent der befragten Unternehmen bewerten die Bremswirkung der Bürokratie als stark bis sehr stark. Die Öffentliche Hand schätz dies etwas weniger kritisch ein.
In den Freitextantworten nennt die Wirtschaft besonders häufig uneinheitliche Eignungskriterien, mehrfach einzureichende Nachweise und unterschiedliche Plattformen als konkrete Bremsfaktoren. Die öffentliche Hand nennt spiegelbildlich komplexe Dokumentations-, Genehmigungs- und Nachweispflichten sowie fehlende Möglichkeiten, Fristen zu verkürzen.
Bürokratie wird hier zur Wettbewerbsbremse. Und weniger Wettbewerb kann nicht nur möglicherweise höhere Preise bedeuten, sondern auch weniger Innovation, weniger alternative Lieferanten und eine stärkere Abhängigkeit von den Unternehmen, die komplexe Verfahren überhaupt noch bewältigen können.
Gerade wenn KMU, Start-ups oder neue europäische Anbieter für kritische Leistungen gewinnen werden sollen, müssen die Transaktionskosten der Teilnahme gesenkt werden. Bürokratieabbau ist deshalb auch aktive Lieferantenpolitik.
„Unsere Studie formuliert damit einen klaren Auftrag: weniger Komplexität, ein einfacher Zugang zum öffentlichen Markt und Digitalisierung an den tatsächlichen Engpässen.“ - Franziska Mehlhase (Wegweiser Research & Strategy GmbH)
Die zentralen Ergebnisse werden im Ergebnisbericht der 27. Beschaffungskonferenz veröffentlicht.
Sie finden die zentralen Ergebnisse auf VdZ zum Download im Ergebnisbericht der 27. Beschaffungskonferenz in der kommenden Woche.