Fallschirmspringer
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Unterstützung für Gesundheitsämter: Soldaten oder Rotation?

Wie sich Kommunen selbst und gegenseitig helfen können

Ist es wirklich eine gute Idee, Soldaten in die Gesundheitsämter zu stecken? Unsere Autorin hat da ihre Zweifel. Stattdessen plädiert sie für digitale Hilfe aus anderen Kommunen, rotierende Profis und Teams der unterschiedlichen Geschwindigkeiten.

Anke Knopp

Die Kunsthalle in Bielefeld hat ihn an die Schweiz verliehen: den Denker von Rodin. 50 Jahre saß er dort als Sinnbild für den Dichter Dante Alighieri, der seinerzeit das vorherrschende Latein durch Italienisch ersetzte und zu einer Literatursprache machte. Und damit breiter verstanden wurde als nur von einem kleinen Kreis. Ein Prinzip auch für Verwaltungen in diesen Tagen der Pandemie: Die einen verstehen Digitales, die anderen nicht. Warum also nicht einfach die Übersetzer, Könner und Erklärer ausleihen oder rotieren lassen, auf dass sie in anderen Umgebungen zum Fortschritt beitragen? Kreativität ist gefragter denn je. 

Mancherorts jedoch beantworten Verwaltungen die Pandemie mit verstörenden Aktionen, wie dem Einsatz von Soldaten. Davon später mehr. 

Alle zusammen leben wir derzeit in einem Living Lab mit unreifen Rollen und der Notwendigkeit zur Improvisation. Wir übersetzen unsere alte Welt ins Digitale, weil Smartes nicht ansteckt. Wir lernen viel und schnell wie lange nicht mehr: Homeoffice, Homeschooling, Drive-Ins, Onlinefüralles, digitaler Abholservice, Impfbuchungen, virtuelle Museumsbesuche. Jeden Tag wird Digitalterrain erobert, das weite Teile der Bevölkerung vielleicht noch nicht einmal kannten. 

Bastionen des Analogen

Kommunen jedoch bleiben Bastionen des Analogen. Dabei müssen sie jetzt nicht nur moderne Dienstleister sein, mit wenigen Klicks erreichbar. Sondern jetzt sind sie relevante Player in der Bekämpfung einer Pandemie, die die Stadtbevölkerung in Gänze bedroht. Sie sind Akteure im gesamtdeutschen Wirken, im europäischen Kontext. Fax, Excel-Tabellen, Kugelschreiber und Öffnungszeiten sind keine Option. 

Das gerade hoch im Kurs stehende staatliche Handeln, nach dem alles ruft, muss funktionieren. Daseinsvorsorge und Pandemiebekämpfung kommen ohne den Einsatz von Nullen und Einsen nicht mehr aus. Eine Binsenweisheit. Warum Glasfaser leistungsfähiger ist, zeigt sich jetzt. Warum digitale Souveränität ein Gebot ist, beweist sich längst. Die Kommunen genossen im letzten Jahr noch eine letzte Frist an Welpenschutz im „Neuland“. Obwohl die Weckrufe für eine notwendige Modernisierung von Regierungs- und Verwaltungshandeln seit Jahren unüberhörbar durch die Kommunen schallte. Kaskaden an Erkenntnissen des E-Government liegen - in der Schublade.  

2021 ist das Jahr der Nagelprobe nach einer hastigen Welle der notdürftigen Hauruck-Digitalisierung. Im Jahr 2021 ist die Erwartungshaltung der Bevölkerung gegenüber der digitalen Kompetenz und Leistungsfähigkeit ihrer Kommune unduldsamer. Fehler werden verziehen. Ein fortgesetztes Zögern nicht. Der Souverän ist digital versierter als das System. Das gilt selbst für Kinder und Hochbetagte. Wir stehen vor nichts Geringerem als dem Umbau einer staatlichen Infrastruktur für die kommenden Jahrzehnte. 

Digitale Köpfe aus anderen Kommunen

Vieler Orts ist nun die Bundeswehr mit Soldaten im Einsatz. Soldaten helfen in den Gesundheitsämtern, die militärischen Zonen gleichen mit ihrem Einsatz an der „Heimatfront im Kampf gegen die Pandemie“. 

  • Statt Tarnanzüge wären lieber bunte Ideen und Kompetenzen aus anderen Kommunen abzuziehen und zum Einsatz zu bringen: Digitale Köpfe gibt es zuhauf. Sie wirken, die verwaltungseigenen Übersetzer, die bereits funktionsfähige Modernisierung erreicht haben. In der Regel sind es Antworten aus sich selbst heraus: So wie die Bonner mit ihrer IT-Eigenentwicklung Covdi zur Kontaktnachverfolgung. In der Krise von der IT-Abteilung im Personal- und Organisationsamt entwickelt, um eine schnelle Kontaktaufnahme betroffener Personen sicherzustellen. 
     
  • Sollte man nicht auch Nerds und Profis aus den Kommunen befristet ausleihen oder im Land rotieren lassen, die es schon weit gebracht haben mit den digitalen Standards - die auch in der Praxis funktionieren? Digitale Köpfe aus der Verwaltung, sie werden jährlich aufs Treppchen gehoben, warum nur sollen wenige von ihnen profitieren? 
     
  • Bedenkenswert wäre auch, dass die Armeen der Berater einfach mal zuhause bleiben und die Kommunen selbst Lösungen entwickeln. 
     
  • So wie es Digital-Typen an Kommunen gibt, gibt es auch Digital-Typen an Menschen: Wie wäre es also mit breit gefächerten Teams in den Verwaltungen? Organisiert wie in einer Matrix, so können lähmende Schichten überwunden werden. Mit Personal aus einem Pool, welches für bestimmte Aufgaben mit bestimmten Fähigkeiten zusammengestellt wird. Analog der Profiltypisierung, bekannt nach der Farbentypisierung in rot, grün, gelb und blau, wenn alle Typen an Bord sind, steigen die Stärken, weil von allen Zutaten etwas dabei ist: innovativ bis bodenständig.
     
  • Auch prima: Teams der unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Also die ganz Schnellen, die sich den digitalen Express-Herausforderungen schneller und innovativer widmen dürfen. Die Brenner. Und dann das Team, das langsamer umsetzt - aber Veränderung institutionalisiert denkt. Und dann das gezielte Mischen von den Schnelleren in die Abteilungen, die eher Bedenken haben, oder bremsen? Wien etwa hat da gute Erfahrungen gemacht. 
     

Was hindert daran, die digitale Transformation zu bewerkstelligen? In vielen Kommunen ist die Angst zu spüren - dass wiederkehrende und verwaltende Tätigkeiten aus den Rathäusern wegdigitalisiert werden. Nicht nur Marx sprach von wachsender Arbeitslosigkeit bei steigender Automatisierung. Viele Studien heute gehen in die gleiche Richtung. Das Festhalten an alten Mustern ist daher naheliegend. Auf der anderen Seite aber nagt der demographische Wandel und Nachwuchs für Verwaltungen ist kaum in Sicht. Da kämen digitale Prozesse genau richtig, sie verdrängen den Menschen nicht. Sie ersetzen, was nicht mehr ausreichend da ist. 

Vielleicht wird das Verleihen von Übersetzern der alten Welt in die neue dann doch noch zum neuen Chancenmodell für Kommunen - nicht nur für die Kunsthallen von Bielefeld und der Schweiz.

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