Fortschritt entsteht dort, wo alle eng zusammenarbeiten
Niedersachsens CIO Dr. Georgiadis über Digitalisierung, KI und Cybersicherheit
Verwaltung der Zukunft: Sie sind seit März 2026 CIO des Landes Niedersachsen. Welche drei Themen stehen ganz oben auf Ihrer Prioritätenliste für die kommenden zwei Jahre?
Dr. Alexander Georgiadis: Die Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten, weil wir mit viel Elan an zahlreichen wichtigen Themen arbeiten. Auf dem Kommunalkongress des Landes Niedersachsen in Hannover habe ich kürzlich zehn Eckpfeiler für eine effiziente digitale Verwaltung in Niedersachsen vorgestellt. Dabei ging es darum, wie wir die heterogene IT-Landschaft konsolidieren, innovative Technologien zur Automatisierung von Verwaltungsprozessen stärker in die Anwendung bringen und im Schulterschluss mit Kommunen und Bund bei der Digitalisierung am besten gemeinsam vorankommen.
Wenn ich drei Themen herausheben soll, beginne ich damit, dass der digitale Kontakt der Menschen und der Wirtschaft mit der Verwaltung in Niedersachsen einfacher und schneller werden muss. Vor einigen Monaten war Niedersachsen im Dashboard Digitale Verwaltung, das den Online-Zugang zu den wichtigsten Verwaltungsleistungen transparent macht, noch im hinteren Mittelfeld der Bundesländer auf Platz 11. Durch eine zentrale Finanzierung, eine systematische Unterstützung des Rollout-Prozesses mit einer Taskforce und durch die Bereitschaft vieler Kommunen, engagiert mitzumachen, ist es uns in Niedersachsen innerhalb kurzer Zeit gelungen, bis auf Platz 3 vorzurücken. Wir haben die Komplexität der Prozesse deutlich reduziert und wollen in zwei Jahren möglichst alle zur Verfügung stehenden Fokusleistungen in Niedersachsen flächendeckend verfügbar haben.
Ein zweiter Schwerpunkt liegt in der Konsolidierung unserer heterogenen IT-Landschaft. Damit können wir Digitalisierungslösungen über Länder- und kommunale Grenzen hinweg besser skalieren. Dies kann nur gelingen, wenn wir uns mit Bund und Kommunen auf gemeinsame Standards, Basisdienste und Architekturen verständigen. Die jüngsten Beschlüsse des IT-Planungsrates und der Digitalministerkonferenz zur Deutschland-Architektur und zum Deutschland-Stack (D-Stack) gehen genau in diese Richtung. Wir haben uns beispielsweise verpflichtet, alle Basisdienste des D-Stacks in den Bereichen Identität, Datenaustausch oder Datenabruf vom Bund sehr schnell im Land auszurollen und nachzunutzen. Perspektivisch kommen noch die Bereiche Zahlungsabwicklung und das zentrale Postfach hinzu.
Eine stärkere Zusammenarbeit wollen und müssen wir auch mit den umsetzenden IT-Dienstleistern realisieren. Die bisherigen Erfahrungen zeigen klar: Fortschritt entsteht dort, wo Land, Kommunen und IT-Dienstleister eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten. Eine Konsolidierung in diesem Bereich kann auch bedeuten, dass sich mehrere IT-Dienstleister zusammenschließen. In Niedersachsen bereiten die kommunalen IT-Dienstleister in gutem Miteinander zusammen mit den Trägern einen solchen Zusammenschluss im Projekt „Komm2IT“ vor. Ziel ist es, Synergien zu heben, Stärken zu verbinden und Ressourcen zu sparen.
Fortschritt entsteht dort, wo Land, Kommunen und IT-Dienstleister eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten.
VdZ: Niedersachsen hat die Digitalisierungszuständigkeiten im Innenministerium gebündelt und eine neue Abteilung 4 geschaffen. Welche Vorteile ergeben sich daraus in der Praxis? Was können Sie heute anders machen als Ihr Vorgänger?
Dr. Georgiadis: Die Gründung der neuen Digitalisierungsabteilung im Innenministerium unterstreicht die Wichtigkeit dieses Themas für die niedersächsische Landesregierung. In der Abteilung sind wesentliche zentrale Themenstränge zur Digitalisierung von Wirtschaft und Verwaltung, aber auch zur Finanzierung gebündelt. Hinzugekommen ist auch die Fachaufsicht über unseren landeseigenen IT-Dienstleister IT.Niedersachsen. All das schafft Synergien und erhöht die Geschwindigkeit. Denn vormals waren diese Themen in unterschiedlichen Bereichen oder Ressorts verteilt. Mit der neuen Staatssekretärin für Digitalisierung, Anke Pörksen, haben wir zudem eine wichtige Schnittstelle in Richtung Kabinett. Sie verkürzt Wege und hilft, die Digitalisierung auch ressortübergreifend abgestimmt und prioritär voranzutreiben.
Gerade erst hat das Kabinett den Entwurf für einen deutlich ausgeweiteten zentralen Einzelplan für die IT des Landes Niedersachsen inklusive eines ressortübergreifenden IT-Steuerungskonzeptes beschlossen. Ein wichtiger Meilenstein. Ich bin überzeugt, dass uns dies durch die neuen Synergien in der Abteilung und die schon jetzt sehr viel engere Zusammenarbeit mit anderen Ministerien so gut gelungen ist.
VdZ: Sie kommen aus der digitalen Transformation der Wirtschaft und haben unter anderem das Mittelstand-4.0-Kompetenzzentrum Hannover mit aufgebaut. Welche Erfahrungen aus der Wirtschaft möchten Sie gezielt in die Landesverwaltung übertragen – und welche Unterschiede werden in der Digitaldebatte häufig unterschätzt?
Dr. Georgiadis: Ein wesentlicher Unterschied zwischen der öffentlichen Verwaltung und der Wirtschaft liegt in der Risikobereitschaft und -akzeptanz. Eine Unternehmerin oder ein Unternehmer kann beispielsweise aus wirtschaftlichen Erwägungen Ausfallrisiken oder Abhängigkeiten bewusst eingehen. Die öffentliche Hand muss hier aufgrund ihrer Verpflichtung zur Daseinsvorsorge häufig konservativer agieren.
Deshalb möchte ich die Innovationskultur, Experimentierfreude und Geschwindigkeit, die in der Wirtschaft bei der Optimierung, Digitalisierung und Automatisierung von Prozessen häufig noch ausgeprägter ist, stärker in die Verwaltung bringen. Die Beweggründe in der Wirtschaft sind dabei denkbar einfach. Wenn sich eine Prozessoptimierung oder die Einführung einer neuen digitalen Technologie finanziell lohnen könnte, wird diese möglichst schnell ausprobiert und praktisch umgesetzt. Beteiligte Akteure, z.B. aus den Bereichen Sicherheit, Datenschutz und Mitbestimmung, werden von Beginn an eingebunden, auftretende Herausforderungen konstruktiv im Team gelöst. So stelle ich mir dies auch in der Landesverwaltung vor. Gerade bei innovativen Technologien wie Künstlicher Intelligenz sind die Innovationszyklen so kurz, dass wir ansonsten den Anschluss verlieren.
Gerade bei innovativen Technologien wie Künstlicher Intelligenz sind die Innovationszyklen so kurz, dass wir ansonsten den Anschluss verlieren.
VdZ: Die Digitalstrategie 2030 betont die Wichtigkeit der Cybersicherheit und verfolgt einen „Security by Design“-Ansatz. In der Praxis stehen Verwaltungen jedoch häufig unter dem Druck, neue digitale Angebote möglichst schnell bereitzustellen. Wie lösen Sie den Zielkonflikt zwischen Innovationsgeschwindigkeit und Sicherheitsanforderungen?
Dr. Georgiadis: Ich verfolge einen integrativen Ansatz und verstehe Tempo bei Innovationen und den Schutz der Landesverwaltung durch Maßnahmen der Informations- und Cybersicherheit nicht als Gegensätze, sondern als gemeinsame Aufgabe. Unsere neuen digitalen Angebote werden nach dem Prinzip „Security by Design“ entwickelt. Das bedeutet, dass Sicherheitsanforderungen von Beginn an Bestandteil jeder Lösung sind und nicht erst nachträglich ergänzt werden. Insbesondere setzen wir als niedersächsische Landesverwaltung auf standardisierte IT-Bausteine und zentrale Plattformen, die bereits geprüfte Sicherheitsmechanismen enthalten und eine schnelle Umsetzung ermöglichen.
Die Informations- und Cybersicherheit umfasst aber deutlich mehr als das sichere Design einzelner Anwendungen. Wie in unserer Cybersicherheitsstrategie für Niedersachsen beschrieben, ist dies ein Thema in gesamtstaatlicher Verantwortung. Das Land Niedersachsen arbeitet daher eng mit den Kommunen, der Wirtschaft und dem Bund zusammen. Dabei stehen die Resilienz der Verwaltung und der kritischen Infrastrukturen im Mittelpunkt, um auch im Krisenfall handlungsfähig zu bleiben. Hierfür sind Prävention und Kompetenzaufbau, etwa durch Sensibilisierungsmaßnahmen sowie die Aus- und Fortbildung von qualifiziertem Personal, von besonderer Bedeutung. Vor allem ist ein handlungsfähiges übergreifendes Landes-Cybersicherheits-Management erforderlich, um die Daueraufgabe Cybersicherheit aktiv zu gestalten, statt nur auf einzelne Vorfälle zu reagieren und Schäden zu verwalten.
VdZ: Mit dem KI-Kompetenzzentrum werden neue KI-Anwendungen für die Verwaltung entwickelt. Können Sie ein konkretes Projekt nennen, bei dem bereits heute nachvollziehbar ist, wie viele Arbeitsstunden eingespart oder Prozesse beschleunigt werden?
Dr. Georgiadis: Das KI-Kompetenzzentrum (KiKoN) befindet sich nach der Aufbauphase nunmehr in der Pilotierungs- und Umsetzungsphase. Dabei werden diverse Anwendungsfälle getestet und produktiv genutzt. Jeder Anwendungsfall muss eine konkrete Zeitersparnis oder einen deutlichen Qualitätsgewinn für die Verwaltung bringen. Das sind unabdingbare Voraussetzungen für eine flächendeckende Umsetzung.
Mit dem KI-Textassistenten LLMoin steht den Beschäftigten seit Februar 2025 im Rahmen einer Pilotierung beispielsweise eine Anwendung zur Verfügung, die bei Recherche, Zusammenfassungen und der Texterstellung unterstützt. Seit Ende 2025 können wir zusätzlich auf den Microsoft Copilot zurückgreifen. Beide setzen unmittelbar an zeitintensiven Routinetätigkeiten der Sachbearbeitung an – dem Sichten, Zusammenfassen und Verfassen von Texten. Über das KiKoN werden zudem rund 50 konkrete Anwendungsfälle geprüft, priorisiert und schrittweise umgesetzt.
Ein anschauliches Beispiel für Effizienzgewinne ist dabei die Gebäudeerkennung des Landesamts für Geoinformation und Landesvermessung (LGLN). Per KI-gestützter Bildsegmentierung werden aus Luftbildern automatisiert neue oder wesentlich veränderte Gebäude erkannt, um die amtliche Liegenschaftskarte aktuell zu halten. Wo Beschäftigte bisher für einen Ausschnitt von 2×2 Kilometern mehrere Stunden brauchten, analysiert die KI dieselbe Fläche in wenigen Minuten und gleicht das Ergebnis mit dem Liegenschaftskataster ab. Anschließend wird der Eigentümer automatisiert zur Einmessung aufgefordert. Die Anwendung ist so erfolgreich, dass sie bereits einige andere Bundesländer nachnutzen. Mit Hamburg, Schleswig-Holstein und Bremen gibt es hierzu konkrete Verwaltungsvereinbarungen, andere Bundesländer haben einen einmaligen Service gebucht. Ansonsten haben fast alle Bundesländer schon einmal Testzugänge erhalten und Interesse bekundet.
VdZ: Wenn Sie einen „Digitalstrategie-2030-Check“ im Jahr 2030 durchführen müssten: Welche Kennzahl oder welcher Indikator würde Ihnen am deutlichsten zeigen, dass die Transformation tatsächlich gelungen ist?
Dr. Georgiadis: Eine gelungene digitale Transformation im Sinne der niedersächsischen Digitalstrategie 2030 zeigt sich nicht nur an der erfolgreichen Einführung neuer Technologien, sondern vor allem an deren tatsächlichem Nutzen. Digitale Services müssen also nicht nur bereitgestellt, sondern auch aktiv von Bürgerinnen, Bürgern und Unternehmen genutzt werden. Verwaltungsprozesse sollen durch Digitalisierung messbar schneller, effizienter und kostengünstiger werden.
Moderne Technologien wie Cloud-Lösungen, Künstliche Intelligenz und Automatisierung schaffen einen konkreten Mehrwert, indem diese Arbeitsabläufe verbessern und die Leistungsfähigkeit der Verwaltung erhöhen. Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen profitieren von einfacheren, schnelleren, transparenteren und digitalen Verwaltungsleistungen. Die Verwaltung selbst zeichnet sich durch bessere Zusammenarbeit, Standardisierung und Steuerung aus.
Der Erfolg der digitalen Transformation wird daher nicht ausschließlich an technischen Lösungen gemessen. Entscheidend ist die Kombination aus dem Output – also den umgesetzten Digitalisierungsmaßnahmen – und dem Outcome – also den tatsächlichen positiven Auswirkungen auf Nutzerinnen und Nutzer sowie auf die Verwaltung. Wenn beides erreicht wurde, kann von einer nachhaltigen und erfolgreichen digitalen Transformation und einer erfolgreichen Umsetzung der Digitalstrategie 2030 gesprochen werden.