Bosbach/ Wegweiser

Entscheidet sich der Kampf um den Erhalt unserer Demokratie zwischen Windeln und Zahnpasta?

Skandal! Und was für einer! Oder doch nicht?

Kein Zweifel: Wir leben in Zeiten, in denen der Pegel der öffentlichen und veröffentlichten Erregung in Sekundenschnelle nach oben rast, dort seine Kapriolen schlägt, um anschließend in gleichem Tempo wieder abzuflachen. War was? Und dann kommt das nächste Thema, alles wieder von vorne.

Es scheint, als kämen „Maß und Mitte“ immer mehr unter die Walzen moderner Erregungskultur, namentlich in den sog. Sozialen Medien. Dort gerne von Akteuren, die – maskiert mit irgendwelchen Pseudonymen – konsequent, aber faktenresistent ihrem Unmut über alles und jeden freien Lauf lassen. Beliebtes Motto dieser Fraktion: „Es gibt nur zwei Meinungen: meine und die falsche!“ 

Aktuelles Beispiel: Da hatte sich doch der Lobbyverband „Die Familienunternehmer e.V.“, bei dem so illustre Namen wie Albrecht, Braun, Schwarz und Würth zu Hause sind, tatsächlich erdreistet, auch MdBs der AfD zum traditionellen „Parlamentarischen Abend“ einzuladen. Pressemeldungen zufolge soll sogar tatsächlich ein MdB der Rechtsaußenpartei erschienen sein, relativ kontaktarm an einem Bistrotisch verweilend.  

Na, jetzt war aber was los! Ok, schon andere Verbände hatten zuvor bei ähnlichen Anlässen ebenfalls (auch) MdBs der AfD eingeladen, aber wem der Verband – weil wirtschaftsliberal und eher konservativ ausgerichtet – ohnehin ein Dorn im Auge ist, der verlor jetzt vollends die Fassung. Hauptvorwurf: Auf diese Weise würde eine faschistische Partei ohne Not normalisiert, ja sogar aufgewertet und damit unsere Demokratie gefährdet.  

Geht es nicht ein bisschen kleiner?  

Ok, ich selber hätte die Einladung auch nicht(!) ausgesprochen und halte sie nach wie vor für einen Fehler – gerade weil die AfD meiner Überzeugung nach eben keine konsequent auf dem Boden unserer Verfassung stehende Partei ist – aber deswegen völlig überzogene Vorwürfe an den Verband adressieren?  

Und dann wurde es noch toller: Die Firmen Rossmann und Vorwerk treten aus Protest aus dem Verband aus – nicht aber Rossmann-Konkurrent „dm“. Prompt kam, was eigentlich nicht kommen sollte: öffentliche Aufrufe zum Boykott aller dm-Märkte! Wie bitte? Soll unsere Demokratie ernsthaft dadurch verteidigt werden, dass wir Drogerieartikel zukünftig nicht mehr bei dm kaufen?  

Auf dem Höhepunkt der Turbulenzen trafen sich die Herren Roßmann und Werner (dm) bei Markus Lanz und siehe da: Es entwickelte sich eine erstaunlich sachliche, sehr interessante Diskussion, geprägt vom wechselseitigen Respekt der Konkurrenten. Es gab weder absurde Vorwürfe noch irgendwelche hysterischen Prophezeiungen, es gab nur unterschiedliche Meinungen. Ja und? Christoph Werner hat an diesem Abend seiner Marke dm vermutlich mehr gedient als alle Boykottaufrufe geschadet.  

Kurze Zeit danach.  Das „Landvolk Hannover“ hatte zu einer Podiumsdiskussion tatsächlich auch ein Mitglied der AfD eingeladen. Wieder das gleiche Theater um Pro und Kontra. Interessant: Der Presse zufolge sollen die Anwesenden die Ausführungen des AfDlers mit Unverständnis und Kopfschütteln quittiert haben, was der Demokratie ganz sicher nicht geschadet hat.  

Nein, der Kampf um unsere Demokratie entscheidet sich nicht an der Frage, ob wir Windeln oder Zahnpasta bei Rossmann oder dm kaufen – er entscheidet sich in erster Linie in der Wahlkabine. Und unserer gesellschaftlichen Fähigkeit dem politischen Extremismus entschieden entgegenzutreten. 

Der Autor, Wolfgang Bosbach, ist Kongresspräsident des Berliner Kongresses für Wehrhafte Demokratie. Von 1994 bis 2017 war er Mitglied des Deutschen Bundestages und dort unter anderem von 2000 bis 2009 stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für den Bereich Innen- und Rechtspolitik und von 2009 bis 2015 Vorsitzender des parlamentarischen Innenausschusses.

Der 8. Berliner Kongress Wehrhafte Demokratie - Gesellschaftlicher Dialog für Innere Sicherheit, Verteidigungsfähigkeit und Zusammenhalt findet vom 29. bis 30. Juni 2026 im Hotel de Rome in Berlin statt.